Werte, Bewusstsein und Sprache. Ein Gespräch mit Fedor Bräutigam

Photo: Björn Hickmann

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Fedor Bräutigam lebt in Dortmund. Er steht beruflich im Operationssaal, fühlt sich aber viel mehr als Lyriker und Wortkünstler. Gerade ist sein erstes Album fertig geworden, und am 24. April gibt er in Dortmund eine Lesung.

Für kultürlich hat er sich Zeit für ein Gespräch genommen.

„Ich bin Lyriker, der aus Versehen auch Rap macht“, erklärt Fedor Bräutigam zu Beginn des Gespräches. Er bestellt einen Cappuccino, der aber bitte kein Milchkaffee sein solle. Das Verhältnis von Milch zu Espresso sei dabei entscheidend. Mit Cappuccino kann das Gespräch beginnen.

Im Mai kommt dein Album „Wendepunkt“ raus. Was ist auf dem Album drauf?
Genau, im Mai wird unsere CD im Klub „Rekorder“ in Dortmund vorgestellt.
Darauf sind Musik und Texte (lacht). Das Album heißt „Wendepunkt“.
Es ist innerhalb der letzten fünf Jahre entstanden und resultiert aus einem Zufall. Robert, der jetzige Komponist der Musik, und ich haben uns über einen gemeinsamen Freund kennengelernt. Bei Robert nahm ich Klavierunterricht. Dann haben wir festgestellt, dass ich Texte schreibe und er komponiert und Musik macht. Wir sprachen über Texte und so kam eins zum anderen. Es entstand das erste Lied. Weitere folgten, ohne einen Fokus, oder einen Plan ein Album zu machen. Irgendwann schlug ich die Idee mit dem Album vor, da mehr und mehr Lieder entstanden. So wurde aus einer Idee ein Vorhaben.
Während dieser Zeit gab es verschiedene Wendepunkte, die eine Umstrukturierung meines Lebens nach sich zogen. Zwischen 20 und 25 passiert extrem viel, was die eigenen Werte und die Art der inneren Auseinandersetzung mit sich und der Umwelt angeht. Da es bei Robert ähnlich war, haben wir das ganze „Wendepunkt“ genannt.
Es sind Texte über Bewusstsein, Selbstspiegelung und Selbsterkenntnis. Es geht viel um Wahrheiten, Wahrheit finden zu wollen und sich in der Welt sehen zu lernen. Wer bin ich und was sind die wesentlichen Dinge und Werte im Leben?

Du machst ja noch mehr aus Sprache außer Musik. Du schreibst Gedichte und Kurzgeschichten, du hast ein gemeinsames Projekt mit Lavinia Korte unter dem Titel „Wortfühlung“, und es fällt auch der Begriff „Wortakrobatik“ zusammen mit deinem Namen. Welche Bedeutung haben Worte und Sprache in deinem Leben und in deinen literarischen und musikalischen Werken?
Worte gehören zu mir wie meine zwei Füße. Ohne Worte geht es gar nicht.
Ich habe mich sehr früh mit Sprache und mit den großen alten Dichtern und Poeten auseinandergesetzt – beziehungsweise ich wurde auseinandergesetzt. Meine Mutter hatte mir die Kassette „Balladen für Kinder“ von Lutz Görner gegeben. So bin ich mit Fontane, Goethe, Schiller im Kindergartenalter in Kontakt gekommen und das hat mich offensichtlich geprägt.
Mit elf begegnete ich dann der Rap-Musik, die sehr faszinierend für mich war.
Dann kam die Feststellung „Ups, ich kann das ja selber“ und seitdem schreibe ich. Mal mehr Musiktexte, mal mehr Lyrik, mal der Versuch an Geschichten, wo ich dann immer irgendwann aufgebe – bei längeren, bei kürzeren geht das schon eher.
Das Schreiben ist seither für mich ein treuer Begleiter, der mir zuhört, der unerschrocken ehrlich mit mir ist, mir Halt gibt und Mut macht, und der mir dabei hilft, mir über mich und meine Fähigkeiten bewusst zu werden.

Gibt es für dich einen Unterschied zwischen der geschriebenen und gesungenen Sprache?
(denkt länger nach) Ja, schon. Wobei, irgendwie auch nicht. Beides ist ehrlich. Ich versuche mit dem Schreiben kein Bild aufzurichten oder irgendetwas zu konstruieren, was nichts mit mir zu tun hat. Es gibt natürlich Wortspielereien, wo man Worte als Körper versteht und mit ihnen gewissermaßen räumlich arbeitet.
Im Grunde geht es mir aber darum, meine Wahrheit beziehungsweise meine Wahrnehmung und Empfinden auszudrücken. Das hat jedoch beim Rap und bei Gedichten eine unterschiedliche Form. Lyrik muss sich zum Beispiel nicht reimen. Bei Rap-Texten habe ich aber eine bestimmte Formvorgabe. Es muss sich reimen, sich einfügen, einen bestimmten Fluss haben und bestimmte Metren müssen eingehalten werden, damit es gut klingt.
Einen Unterschied gibt es auch in der Auseinandersetzung mit dem Thema, über das ich schreibe: Bei Rap ist es viel intensiver als bei einem Gedicht.
In einem Gedicht kann ich eine Momentaufnahme über diese Tasse Kaffee verfassen. In fünf Minuten kann ein Gedicht geschrieben sein. Einfach nur dadurch, wie ich etwas wahrnehme. Indem ich in den Makro- oder Mikrokosmos der Tasse eintauche, verblasst die Beurteilung der Tasse als „Tasse“ und es bleibt das, was ich sehe und wahrnehme.
Wenn ich aber ein Lied schreibe, dann dauert der gesamte Prozess – von der Auseinandersetzung mit der Musik, das Finden eines Themas, das Schreiben des Textes, das Arrangement, die Aufnahme – mehrere Monate. Es ist eine viel intensivere Auseinandersetzung und das Thema ist dann auch meist mehr als eine Tasse Kaffee.

Fedor Bräutigam

Photo: Björn Hickmann

Die Themen für deine Lieder sind dann eher größer und komplexer?
Sie sind anders. Die Auseinandersetzung ist eine andere. Gedichte entstehen meist innerhalb eines Tages. Ein Lied-Text kann, muss aber nicht an einem Tag entstehen. Es kann sich über Wochen und Monate ziehen, bis es fertig ist.
Ich habe zum Beispiel ein Lied geschrieben, welches den Prozess, sich etwas bewusst zu werden, thematisiert. Der Prozess von Wahrnehmung, Reflexion, Konfrontation, der Kampf, den man innerlich hat, und dann irgendwann, die Auflösung – wenn man den Schleier durchbrochen hat. Um so einen Prozess aufzuschreiben, braucht es den direkten Kontakt mit den einzelnen Phasen. Wenn ich über den Punkt schreiben möchte, an dem der Prozess aufbricht, dann muss ich das auch fühlen. Wenn ich nicht fühle, kann ich nicht darüber schreiben.

In dem Lied „Gedanken“ findet sich die Zeile „Hast du die Fähigkeit zu lauschen, dann hast du erkannt, was wir Menschen brauchen“ – Sprache gehört also zum Menschsein. Siehst du in Zeiten von grammatikfreien Kurznachrichten und Phänomenen wie Kiezdeutsch die sprachliche Entwicklung kritisch?
Ich hab in der Vergangenheit ein Buch gelesen, das heißt „Seltsame Sprachen“. Es behandelt Sprachen: Sprachstämme, Ursprung, Aufbau, Unterschiede und auch die Entwicklung von Sprache. Sehr interessant! Was wir sehen, ist, dass Sprache sich immer weiterentwickelt. Immer. Sprache ist nichts, was starr ist, sondern dynamisch.
Wenn man betrachtet, wie Goethe damals gesprochen hat, oder sich seine Texte anguckt, stellt man fest, dass heute so niemand mehr redet. Genauso werden meine Texte in 50 Jahren auch ganz anders wirken und auch ganz anders besprochen werden. Auch, wenn man viel weniger weit in der Zeit zurückgeht: Mitte des 20. Jahrhunderts war die Sprache auch eine völlig andere. Deswegen mache ich mir überhaupt gar keine Sorgen, was Sprache angeht.
Sprache ist etwas Dynamisches, was nicht zu kontrollieren ist und immer verschiedenste Ebenen hat. Es gab immer Leute, die sich gepflegt ausgedrückt haben und Leute, bei denen Sprache ein Mittel zum Zweck war.
Es wird immer Leute geben, die Sprache durch den Kakao ziehen, ebenso wie Jene, die der Sprache mir Respekt, Wertschätzung und auf kreative Weise begegnen.

Du hast Goethe jetzt zweimal erwähnt. Was hat es mit Goethe auf sich?
Bei Görners „Balladen für Kinder“ war „Der Zauberlehrling“ vertont und das fand ich sehr schön und lehrreich. Er ist zeitlos. Auf jeden Bereich des Lebens kann man ihn im Prinzip anwenden. Wenn man gesellschaftliche Entwicklungen betrachtet, muss man nicht lange suchen, bis die Metapher passt.

Auf was kann man sich bei deiner Lesung am 24. April in Dortmund freuen? Was erwartet den Zuhörer?
Den Hörer erwarten zehn Jahre meines Schreibens. Es wird Texte geben, die alt sind und Texte die sehr jung sind. Es wird sehr vielfältig.
Ich bin niemand, der einen Stil verfolgt und sagt: „Das ist jetzt der Fedor-Stil und die Art, wie ich immer schreibe“ und mich daran festhalte. Ich versuche dem Thema, um das es geht, die richtige Färbung zu geben. Sowohl was die Wahl der Worte, als auch den Wortklang selbst angeht. Klang wirkt sich sehr auf unsere Gefühle aus. Bei Musik merkt man das deutlich. Je nachdem, welche Worte ich wähle, kann ich damit bestimmte Gefühle erzeugen, die eher unbewusst wirken. So kann ich sehr direkten Einfluss auf die Wirkungsweise nehmen und das transportieren, was ich fühle.

Ich werde versuchen, mich darzustellen, wie ich bin.

Gibt es etwas, was du zum Abschuss noch sagen möchtest?
Macht euch frei von Bewertungen.

Vielen Dank für das Gespräch!