Jugendliche interpretieren Ortlepps „Fieschi“

Theaterprojekt (1)

Plakat: Andreas Richter, Dobis

Die Jugendlichen der Theatergruppe „Karambolage“ des Theaterpädagogischen Zentrums Zeitz befassten sich intensiv mit der Literatur des Vormärz, speziell mit Ernst Ortlepps Poem „Fieschi“, und brachten ihre szenischen Splitter mit dem Titel „Die Höllenmaschine“ am 24.06.2015 im Schloss Moritzburg Zeitz zur Aufführung.

Der Droyßiger Literat Ernst Ortlepp (1800‒1864) verfasste das Poem „Fieschi. Ein poetisches Nachtstück“ 1835, ließ es in Leipzig drucken und veröffentlichen. Sein Protagonist war ein korsischer Rebell, der im gleichen Jahr versucht hatte, den König von Frankreich, Louis Phillippe, mit einer „Höllenmaschine“ zu erschießen. Mit einem Gewehr aus 24 Gewehrläufen, die so gekoppelt waren, dass sie gleichzeitig feuerten, sollte das Attentat durchgeführt werden. Viele Unschuldige verstarben dabei, während der König verschont blieb. Zum Tode verurteilt, lässt der Attentäter sein Leben Revue passieren. Ortlepp gibt uns einen tiefen Einblick in das Innenleben eines „Terroristen“. Fürst Metternich (1773‒1959), der mächtigste Politiker der damaligen Zeit, ließ den Text sofort nach Erscheinen verbieten.

Theaterprojekt (3)

Foto: Reiner Eckel, Zeitz

„Karambolage“ sind Jugendliche im Alter von 13 bis 20 Jahren, die sich einmal wöchentlich im Theaterpädagogischen Zentrum Zeitz treffen. Durch ständiges Körper- und Stimmtraining, Theater- und Improvisationsübungen in den Proben reifen sie zu eigenständigen, verantwortungsvollen und charakterstarken Erwachsenen heran. Jeder wird nach seinen vorhandenen Fähigkeiten und Interessen eingesetzt. Castings wurden und werden für keine Produktionen und Projekte durchgeführt. Die Gruppe hat bereits langjährige Erfahrungen mit Theaterübungen und -stilmitteln sowie deren Wirkung, sodass eine Schritt-für-Schritt-Anleitung seitens der Übungsleiter kaum noch notwendig ist. Überhaupt wird die Arbeit wie an einem Regietheater vermieden.
Die Ernst-Ortlepp-Gesellschaft zu Zeitz kam anlässlich des 150. Todestags des Dichters auf die überregional bekannte Theatergruppe zu, um ein Projekt in der Jugendarbeit anzustoßen. Die 2001 gegründete Gesellschaft arbeitet dafür, Ortlepps Werke und Orte des Schaffens im literaturhistorischen Gedächtnis zu erhellen, zu erhalten und öffentlich bekannter werden zu lassen. Dazu begeben sich die Mitglieder auf die Suche nach Lebenszeugnissen, sammeln und publizieren diese und stellen sie Interessierten in der Ernst-Ortlepp-Bibliothek des Museums Schloss Moritzburg Zeitz zum Lesen zur Verfügung, wo ebenfalls Werke von Dichtern, Philosophen und Musikschriftstellern des 19. Jahrhunderts aufbewahrt werden.

Theaterprojekt (2)

Foto: Reiner Eckel, Zeitz

Die jungen Erwachsenen lasen das Werk und stellten ihre Fragen aber auch ihre Antworten in den Raum „Theater“: Wie wird ein Mensch zum Attentäter? Wird man als Terrorist geboren? Was treibt einen Menschen so weit, dass ihm nur der Terror als letzte Instanz bleibt?
„Karambolage“ erarbeitete sich die Dramaturgie zu größten Teilen selbst. Herausgekommen ist letzten Endes eine körperliche und theatralische Darstellung des Poems von Ortlepp, ohne zu reden. Dabei wurden Textteile untermalend eingelesen, Lieder und Klavierstücke vom Komponisten Robert Schumann (1810‒1856) eingebaut. Es entstand ein Zusammenspiel zwischen Darstellern, Rezitatoren und der Musik. Die Jugendlichen kommunizierten und interagierten auf der Bühne miteinander, stellten Personen, Gegenstände oder auch Zustände dar.
Einprägsame und kraftvolle Bilder, die Fieschis tiefste und verborgenste Gedanken repräsentierten, wurden dem Publikum geboten und hinterließen ein Gefühlsspektrum, welches von den ersten Anzeichen psychischer Irritation bis zur totalen Zerrüttung rationalen Denkens reicht.

Theater ist eine ganzheitliche Erfahrung. Ist man Darsteller, so werden Stimme, Wahrnehmung, Selbstbewusstsein, Teamfähigkeit, Kreativität, Kommunikationsfähigkeit und Körper geschult. Viele Schwellen, wie altersspezifische und soziale Unterschiede, werden abgebaut oder verschwinden sogar durch das Theaterspielen. Hier in diesem Beispiel stehen Jugendliche aus Überzeugung auf der Bühne und lachen, weinen, singen und tanzen gemeinsam. Akzeptanz und Toleranz sind selbstständige Gebote des Theaterpädagogischen Zentrums. Das war auch in dieser Vorführung für das Publikum spürbar und machte den Nachmittag großartig und unvergesslich. Aufgrund der positiven Resonanz ist zum September 2016 eine weitere Aufführung der szenischen Splitter geplant. Wer die erste Vorstellung nicht sehen konnte, sollte sich die zweite Chance auf keinen Fall entgehen lassen.

Für alle, die nun neugierig auf Ortlepp oder Theaterspielen geworden sind – oder gar auf beides –, finden sich viele nützliche Informationen dazu auf der Internetseite der Ernst-Ortlepp-Gesellschaft sowie des Theaterpädagogischen Zentrums Zeitz.

Von Raluca Denecke