Mord im Orientexpress

Buch- und Filmtipp

Ein Zug auf dem Weg von Istanbul nach London bleibt im damaligen Jugoslawien in einer Schneeverwehung stecken. Die siebzehn Passagiere müssen ausharren, doch dann geschieht ein Mord, der allen die Wartezeit verkürzt beziehungsweise verlängert. Der Amerikaner Samuel Edward Ratchett wird in seinem Abteil mit zwölf Messerstichen ermordet vorgefunden. Wegen der schlechten Wetterverhältnisse kann die Polizei den Zug nicht erreichen, ein Glück, dass der berühmte belgische Detektiv Hercule Poirot mit an Bord ist und sich dem mysteriösen Fall annimmt. Agatha Christies wohl bekanntester Roman Mord im Orientexpress (1934) und dessen verschiedenen Verfilmungen lassen die Leser und Zuschauer mit ermitteln. Poirots theatrale Verhörmethoden spinnen ein Netz aus Be- und Entlastungen, in dem sich Detektiv und Verdächtige gegenseitig ausspielen.

Der Zug wird so zur Bühne für Detektiv und Verdächtige. Der Mörder Ratchetts muss noch an Bord sein, denn der frische Neuschnee zeigt keinerlei Fußspuren. Die 12 Fahrgäste, der Schaffner, der Direktor der Eisenbahngesellschaft, ein befreundeter Arzt und Poirot – einer von ihnen muss Ratchett getötet haben. Christie entwickelt gekonnt eine spannende Struktur, denn weder für die Leser noch für den Detektiv, geschweige denn für die Verdächtigen ist klar, wer den anderen an welcher Stelle durchschaut. Poirot verhört jeden einzelnen Fahrgast. Seine typische Methode provokante Fragen zu stellen, die den Gegenüber in eine unangenehme Situation bringen, scheint dieses Mal nicht zu fruchten. Zwar kommen einige der Verhörten sichtlich in Bedrängnis, doch können alle irgendein Alibi vorweisen. Dass sich die Gruppe der Verdächtigen aus verschiedenen Nationalitäten zusammensetzt, spickt die Profile der möglichen Täter mit den unterschiedlichsten Hintergründen und vor allem auch typischen Stereotypen. So gibt es die zurückhaltende und unterkühlte Schwedin, die biedere deutsche Zofe, die wunderschöne ungarische Gräfin oder auch den munteren italienischen Geschäftsmann.

Nicht nur Poirot wird scheinbar in seinen Ermittlungen fehlgeleitet, auch die Leser werden durch kleine Details abgelenkt, so dass die Auflösung, wie es sich für einen guten Detektiv-Roman gehört, bis zur letzten Szene hinausgezögert wird. Der Direktor der Eisenbahngesellschaft und der befreundete Arzt fungieren während der Ermittlungen als Stimme der Leser, denn sie stellen Poirot die Fragen, die auch dem Leser in den Sinn kommen. Mord im Orientexpress greift kontroverse Themen auf, denn es stellt sich schnell heraus, dass auch der Tote kein Unschuldslamm gewesen ist. So rücken die viel diskutierten Aspekte der Rache und der Selbstjustiz in den Fokus.

Aber nicht nur der Roman ist wärmstens zu empfehlen, auch Sidney Lumets Verfilmung von 1974 ist ein Genuss für jeden Krimifan. Die Besetzung des Films ist hochkarätig: der leicht dickliche Poirot wird von Albert Finney gespielt, den man zum Beispiel zuletzt in Skyfall als Wildhüter gesehen hat. Die schwedische Missionarin verkörpert Ingrid Bergmann mit ihrer aparten Art treffend, für ihre Darbietung wurde sie daher sogar mit einem Oscar für die beste Nebenrolle ausgezeichnet. Und auch Sean Connery macht als Offizier eine gute Figur.

In diesem November wird es nun eine Neuverfilmung des Romans geben. Auch hier hat es sich die oberste Liga Hollywoods nicht nehmen lassen, mitzuspielen. Unter anderem mischen sich Johnny Depp, Judi Dench und Willem Dafoe unter die Zugpassagiere. Regie führt der Ire Kenneth Branagh, der es sich nicht nehmen lässt, selbst in die Rolle des berüchtigten Hercule Poirots zu schlüpfen. Der Trailer zum Film ist hier zu sehen. Es verspricht großer Krimi- und Kinospaß zu werden.

Wer aber den Roman und die Verfilmung aus den 1970ern noch nicht kennt, sollte dies nachholen bevor er Ende des Jahres den neuen Mord im Orientexpress anschaut. Der Stoff ist ein Muss für jeden Detektiv-Liebhaber und eine wirklich spannende Geschichte, die den Leser selbst zum Detektiv werden lässt. Die Auflösung des Falls verblüfft, in jedem Fall viel Vergnügen bei den Ermittlungen!

 

Foto: Pixabay, CC0-Public Domain