Reality-TV mal anders

„This Is What a Feminist Looks Like“ steht auf Rachel Goldbergs (Shiri Appleby) T-Shirt, während sie auf dem Boden einer Limousine zwischen den Beinen vier hübscher Frauen liegt und ihnen Anweisungen für den Verlauf des Abends gibt. Denn Rachel ist Producerin von Everlasting, einer Kuppelshow, in der ein Junggeselle zwischen zwanzig attraktiven Frauen wählen darf.

Was folgt, ist ein Abend mit vielen Ballkleidern, getragen von Frauen, die um einen Mann und die große Liebe kämpfen – irgendwie. Denn eigentlich ist allen bewusst, dass das kaum machbar ist, wenn man den Mann erstens kaum kennt und zweitens ständig irgendwo ein Kamerateam dazwischenfunkt. Aber egal, das ist eine Win-Win-Geschichte. Der Junggeselle kann für sein neues Hotel werben, die Frauen ergattern womöglich danach weitere Medienverträge und die Produzenten verdienen Geld, für jeden Skandal ein bisschen mehr.

UnREAL ist eine amerikanische Drama-Serie, die 2015 exklusiv für Amazon produziert wurde und nun in der zweiten Staffel auf Prime zu sehen ist. Nicht nur zufällig erscheint die fiktive Serie Everlasting dabei wie ein Abklatsch des weltweiten Produktionshits „Der Bachelor“. Denn die Macherin von UnREAL, Sarah Gertrude Shapiro, war einst selbst Produzentin des umstrittenen Formats. Massive Manipulation der Kandidaten, strukturiertes Ausspielen der Frauen gegeneinander und bewusste Verletzungen ihrer Privatsphäre sind nur einige der Erfahrungen, die Shapiro in der Zeit beim „Bachelor“ gesammelt hat und in UnREAL einfließen ließ. Dabei werden nicht nur die ekelhaften Machenschaften thematisiert, die hinter dem Reality-TV stecken und bei denen allein die gute Quote zählt, sondern dem Zuschauer wird selber der Spiegel des Voyeurismus vorgehalten. Diese Form der inszenierten Realität, mit der man konfrontiert wird, ist dabei so widerlich, dass man seinen eigenen Fernsehkonsum und die Art, wie Frauen in den Medien betrachtet und benutzt werden, sofort reflektiert. Beispielsweise, wenn die vor der Sendung angefertigten psychologischen Tests der Kandidatinnen genutzt werden, um sie vor laufender Kamera vorzuführen. Oder wenn Kameramaterial so zusammengeschnitten wird, dass zuvor zusammenhangslose Szenen nun zu einem echten Quotenkracher mutieren.

Dennoch ist UnREAL nicht einfach nur ein moralischer Wink mit dem Zaunpfahl. Die Frauen sind nicht nur Opfer und die Producer nicht nur Täter. Denn beiden Seiten war bewusst, worauf sie sich eingelassen haben, als sie ihre Verträge unterschrieben und ihnen ist jedes Mittel recht, um groß rauszukommen. Gleichzeitig sind es vor allem die Produzenten, die ständig mit ihrem eigenen ethischen Bewusstsein konfrontiert werden und unter ihren Entscheidungen leiden, die sie an den Rand ihrer Menschlichkeit gebracht haben. Und dann ist da noch der Zuschauer, der bei UnREAL wie auch bei tatsächlichem Reality-TV gleichermaßen Schadenfreude und Mitleid empfinden kann.

Voraussichtlich im Frühjahr 2018 startet die dritte Staffel der Serie auf Amazon Prime.

 

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