Atypical – anders, aber doch wie jeder Andere

Pinguine in der Antarktis – so eine lebenslange Partnerschaft wünscht sich auch Sam.

Serientipp

Atypisch, anders als die anderen – tatsächlich? Sam, der 18-jährige Protagonist der neuen Netflix-Serie „Atypical“, ist anders als seine Mitmenschen. Sam hat das Asperger-Syndrom, eine hochfunktionale Ausprägung von Autismus. Für ihn ist alles mehr als für den Rest der Welt – er nimmt Licht und Geräusche in viel stärkerem Ausmaß wahr, was den Alltag und ein gewöhnliches Teenagerleben für ihn erschwert. Auch kann er Gefühlsregungen nicht richtig deuten.Es fällt ihm schwer, zu erkennen, ob sein Gegenüber gerade traurig oder fröhlich ist. Dennoch hat Sam den normalsten Wunsch der Welt. Den, den jeder junge Erwachsene hat, er möchte eine Freundin haben. Wie sich die Suche für ihn gestaltet und auf welche Probleme er dabei stößt, zeigt „Atypical“ aus einer ungewohnten Perspektive.

Die Antarktis und ihre Tierwelt sind Sams große Leidenschaft, er weiß alles über die Südpol-Expeditionen, über Eisberge und Pinguine. Vor allem weiß er, dass Pinguine ein Leben lang mit ihrem Partner zusammenbleiben. Dieses Ideal möchte auch er finden und macht sich so auf die Suche nach einer Freundin. Unterstützung erfährt er hierbei unter anderem von seiner Therapeutin Julia. Sie macht ihm Mut sich zu trauen. Wie für vieles, versucht Sam auch fürs Daten Regeln aufzustellen und nach einem Muster zu suchen. Woher weiß man, dass man sich verliebt hat? Weil die Person das erste ist, woran man am Morgen denkt? Oder weil man ihr sofort wichtige Neuigkeiten erzählen möchte? Oder weiß man es einfach, ohne dass es einen bestimmten Grund dafür gibt? Dieses scheinbar grundlose Gefühl, es bei einem bestimmten Menschen einfach zu wissen, hat Sam zu seinem eigenen Leidwesen bei Julia. Aus Sams Suche nach der Liebe enspinnt sich ein Erzählstrang, der zur Komik der Serie beiträgt. Hierbei sind die Lacher stets auf Sams Seite, es wird nicht über ihn, sondern mit ihm gelacht.

Ein weiterer, ganz ausschlaggebender Erzählstrang beschäftigt sich mit Sams Familie: seinen Eltern und seiner etwas jüngeren Schwester Casey. „Atypical“ zeigt nämlich nicht nur Sams Leben, sondern macht sehr genau deutlich, wie eine Krankheit eine Familie verändert und beeinflusst. Sams Autismus bestimmt das Leben der ganzen Familie. Mutter Elsa ist überfürsorglich, ständig in Sorge um ihren Sohn. Dabei verliert sie Casey, die als jüngere Schwester die Position der Beschützerin Sams übernommen hat, aus den Augen. Sams Vater hingegen schämt sich auch nach 18 Jahren noch immer für die Krankheit seines Sohnes und lernt erst während der Serie zu ihm zu stehen und mit ihm umzugehen. Dass diese Rollenverteilung und das Ungleichgewicht innerhalb der Familie sehr realistisch dargestellt ist, wird jeder bestätigen können, in dessen Familie es eine Person gibt, die mit einer Krankheit zu kämpfen hat. Denn dieser „Kampf“ wird zu einem „Kampf“ der ganzen Familie.

In den Medien hat „Atypical“ eher kritische Kommentare geerntet. Vor allem wird bemängelt, dass das Drehbuch zu sehr um Normalität bemüht sei, „[n]ur hat man diese Normalität eben denkbar schlecht simuliert. Joggen, Streiten, Umarmen, das ist alles. Und das ist zu wenig.“ (FAZ) Aber heißt normal nicht auch manchmal einfach authentisch? Wenn wir ehrlich sind, ist unser Leben nicht jeden Tag so spannend und abwechslungsreich, wie wir es gerne hätten. Manchmal gibt es nicht mehr als Schlafen, Aufstehen, Essen und wieder Schlafen – oder eben Joggen, Streiten, Umarmen. Das ist das normale Leben. Weiterhin wird kritisiert, dass in Sam als Protagonist nur eine bestimmte Ausprägung von Autismus thematisiert wird. Natürlich begrenzt sich die Serie auf das Asperger-Syndrom und streift andere Ausprägungen der Krankheit nur am Rande, doch lässt die Serie die Zuschauer die Welt einmal von einer anderen Perspektive aus sehen. Diese andere, für uns ungewohnte Perspektive hat aber dennoch so viel mit dem „Normalen“ zu tun, dass eben auch Sams Krankheit zum „Normalen“ dazugehört. Und das ist es, was jeder Mensch, der an einer Krankheit leidet, möchte. Er möchte so normal wie möglich behandelt werden. Und das tut die Serie und genau das macht sie so wichtig. 

Für alle, die sich wie ich bisher noch nie mit Autismus auseinandergesetzt haben, ist „Atypical“ ein Weg, eine neue Perspektive auf das Leben zu bekommen und so zu merken, dass egal, wer oder was wir sind, wir alle doch nur dieselben Bedürfnisse haben und das Eine suchen.

Die Serie ist seit wenigen Wochen bei Netflix zu sehen. Mehr Informationen zum Krankheitsbild gibt es hier auf der Internetseite des Autismus Verein Deutschland.

Foto: Pixabay, CC0-Public Domain