Mein Leben in Belarus

Der Fluss Dnepr

Seit Ende August befinde ich mich im Rahmen eines vom VDS geförderten Praktikums in Belarus, was den meisten eher als Weißrussland bekannt ist. Als ich meinen Freunden und Bekannten davon erzählte, war oft ihre erste Frage: „Weißrussland? Das gehört aber noch zu Russland, oder?“. Dies ist leicht zu beantworten: Belarus ist seit 1991 unabhängig und war zuvor Teil der Sowjetunion. Die sowjetischen und russischen Einflüsse, die das Land heute noch prägen, sind allerdings auffällig: Beispielsweise sind hier viele Angelegenheiten wie der Beginn der Schule und der Universität einheitlich geregelt. Beide Bildungsinstitutionen beginnen nach einer dreimonatigen Sommerpause am ersten September mit dem neuen Schuljahr bzw. Semester. An den Schulen wird dieses Ereignis sehr gefeiert: Es gibt Ansprachen durch die Lehrer und ältere Schüler und alle Schüler bringen den Lehrern an diesem Tag Blumen mit.

Rathaus in Mogilev

Seit dem ersten September bin ich an der Universität in Mogilev tätig, welche mit gut 300.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt des Landes ist und im Osten liegt. Ich unterrichte Deutsch, was hier für viele Studenten nach Englisch ihre zweite Fremdsprache ist. Zuvor habe ich zwei Tage in der Hauptstadt Minsk verbracht. Einen richtigen ‚Kulturschock‘ habe ich (bisher) nicht erlebt, was vielleicht auch daran liegen mag, dass ich vor dem Praktikum eine private Rundreise durch einige Staaten der ehemaligen UdSSR unternommen habe. Ich bin hier sehr herzlich empfangen worden und meine Unterkunft im Studentenwohnheim entspricht voll und ganz westeuropäischen Standards. Aus Unterhaltungen mit anderen Studenten weiß ich aber, dass es hier auch deutlich andere Unterkünfte gibt. In einer von diesen habe ich auch die ersten beiden Nächte verbracht, bevor ich in ein relativ frisch renoviertes Gästezimmer umquartiert wurde. Überrascht war ich über die doch starken westlichen Einflüsse auf das Land. Coca-Cola und andere westliche Marken gibt es hier an jeder Ecke.

EInkaufsstraße in Mogilev

Die Menschen im Wohnheim und an der Universität sind sehr interessiert daran, wie das Leben in Deutschland aussieht. Ich habe relativ schnell bemerkt, dass Touristen bzw. Gäste, die nicht aus der ehemaligen Sowjetunion stammen, in dieser Gegend eher selten sind. Dies mag auch daran liegen, dass Belarus nicht zur EU gehört und die meisten Westeuropäer ein Visum für einen Aufenthalt hier benötigen. Es gibt allerdings seit Februar eine neue Regelung, die eine fünftägige visafreie Einreise erlaubt, sofern diese und die Ausreise über den Flughafen Minsk erfolgen. Da meine Russischkenntnisse noch sehr rudimentär sind, kann ich die aufschlussreichsten Gespräche bisher nur mit Menschen führen, die entweder Englisch oder Deutsch sprechen, wie es beispielsweise viele Studenten oder Dozenten tun. Aber auch im Wohnheim sind die Mitarbeiter sehr interessiert an Deutschland und meiner Kultur und ich habe ihnen auf Russisch und mit Hilfe von Händen und Füßen sowie digitalen Medien und Landkarten gerne einen Einblick in meine Heimat gewährt. Generell ist mein Eindruck, dass die meisten Menschen hier ein sehr positives Bild von Deutschland haben. Häufig erwähnen die Belarussen die gute deutsche Wirtschaft und Exportklassiker wie die deutschen Automarken oder die hier ebenfalls sehr beliebte Sportmarke mit den drei Streifen.

Mahnmal zum Zweiten Weltkrieg nahe Mogilev

In Belarus gibt es, so habe ich es von vielen Menschen gehört, zwei verschiedene Positionen: Die eine Hälfte der Menschen ist stolz auf ihre unabhängige Republik Belarus und sieht deren Eigenständigkeit als besonders wichtig an; die andere Hälfte sieht sich immer noch stark mit Russland verbunden und trauert teilweise der Sowjetunion hinterher, in der ihrer Meinung nach ja noch alles gut war. Verkehrssprache in Belarus ist die russische Sprache. Es gibt auch eine eigene belarussische Sprache, welche der russischen (für mich als Anfänger) stark ähnelt. Allerdings beherrschen diese eigene Landessprache nicht alle, was viele Menschen verständlicherweise bedauern, ist doch Sprache ein Träger der eigenen Kultur.

Kapelle am Mahnmal

Bereits im Vorfeld habe ich viel darüber gelesen, dass Belarus ein armes Land ist. Dieser Eindruck hat sich für mich in Beobachtungen und Gesprächen mit den Menschen hier bestätigt. Allerdings sind beispielsweise viele Produkte in den Supermärkten gar nicht mal viel günstiger als in Deutschland, so ist zumindest mein Eindruck bisher. Das Essen und Trinken in Kneipen und Restaurants ist aber durchaus günstig, so kostet zum Beispiel ein halber Liter Bier dort meist nicht mehr als einen Euro. Die belarussische Küche ist durchaus deftig und beinhaltet, ähnlich wie die deutsche, viele Kartoffelgerichte. Sie ist auch geprägt von vielen postsowjetischen Staaten, beispielsweise ist das Schawarma, ein Export aus den muslimisch geprägten Ländern der ehemaligen UdSSR, hier sehr beliebt, genauso wie Schaschlik.

An den Wochenenden hatte ich bereits die tolle Gelegenheit, mit Einheimischen die Gegend rund um Mogilev zu erkunden, was mir sehr gut gefallen hat. Alles in allem kann ich bisher festhalten, dass es mir hier sehr gut gefällt und Belarus, auch wenn es sicherlich nicht zu den beliebtesten Urlaubszielen zählt, eine Reise wert ist. Ich freue mich auf die verbleibende Zeit in Belarus mit hoffentlich vielen tollen neuen Eindrücken und interessanten Erfahrungen.

Bilder: Eigene Aufnahmen