Alias Grace – können diese Augen lügen?

Buch- und Serientipp

Wie sind Thomas Kinnear und seine Haushälterin Nancy Montgomery zu Tode gekommen? Hat die junge irische-stämmige Grace Marks tatsächlich Beihilfe zu deren Ermordung geleistet? Lügt Grace oder hat sie wirklich Teile ihrer Erinnerung verloren? All dies sind Fragen, mit denen der Roman „Alias Grace“ (1996) die Leser zu Detektiven und Forschern der Erinnerung macht. Das historisch verbriefte und zugleich fiktiv weiter gesponnene Geschehen um Grace Marks wird von der kanadischen Autorin Margaret Atwood zu einer postmodernen, metafiktionalen Erzählung entwickelt, die die Wahrheit als solche und das erzählte Wort grundsätzlich in Frage stellt. Atwoods unzuverlässige Protagonistin webt ihren eigenen Flickenteppich aus Wirklichkeit und Fiktion und weder das literarische Personal noch die Leser wissen, wem sie glauben können.

Grace kommt um 1840 als Jugendliche mit ihrer Familie von Irland in die damalige britische Kolonie Kanada. Wie tausende Einwanderer haben auch sie die beschwerliche Reise auf sich genommen, in der Hoffnung dort ein besseres Leben zu finden. Dass sich dies für Grace nicht erfüllen wird, zeichnet sich bereits auf der Fahrt über den Atlantischen Ozean ab. In der neuen Welt angekommen, beginnt Grace als Hausmädchen zu arbeiten. Doch eine ihrer Stationen als Hausangestellte wird ihr zum Verhängnis. Denn gemeinsam mit ihrem Kollegen James McDermott wird Grace des Mordes an ihrem Arbeitgeber Thomas Kinnear und dessen Haushälterin Nancy Montgomery beschuldigt. McDermott wird gehängt und Grace wird ebenfalls zum Tode verurteilt, doch aufgrund ihrer erst 16 Jahre wird die Strafe zu einer lebenslangen Haft abgeändert. Die Morde haben sich im Jahr 1843 tatsächlich zugetragen, doch während der Haft entwickelt Atwood die Geschichte weiter.

Ihre Grace darf wegen guter Führung tagsüber im Hause des Gouverners arbeiten. Dort erledigt sie kleine Handarbeiten und näht vor allem Quiltdecken für die Damen des Hauses, die aus einzelnen Stoffflicken zusammengesetzt werden. Da ihr Fall für großes öffentliches Aufsehen gesorgt hat, engagiert die Gouverneursfamilie den Psychologen Dr. Simon Jordan, der mittels einer frühen Form der Sprachtherapie im Gespräch mit Grace versucht, der Wahrheit und ihrem scheinbar partiell verlorenen Gedächtnis auf die Spur zu kommen. Wie ein Detektiv beginnt er, sich des Rätsels Lösung anzunähern, doch können weder er noch die Leser sicher sein, welche der Geschichten, die Grace erzählt, der Wahrheit entsprechen. So webt Grace selbst einen Flickenteppich aus verschiedenen Episoden ihres Lebens.

Atwoods Buch parodiert so nicht nur den klassischen Detektivroman, bei dem am Ende immer eine eindeutige Lösung des Falls geliefert wird, sondern stellt auch die Beziehung zwischen Wort und Wirklichkeit infrage. Die eine Wahrheit wird hier, wie in den meisten postmodernen Texten, infrage gestellt und der Leser sieht sich mit der Tatsache konfrontiert, dass es keinen Halt, keine absolute Sicherheit mehr zu geben scheint.

Atwoods Flickenteppich ist nun von Netflix als Miniserie mit sechs Episoden verfilmt worden. Bereits der Trailer hinterlässt ein Gefühl von Schauer und Grusel, doch ist es die (damalige) Realität und das Schicksal, das Grace´ Leben zu einer Art Albtraum werden lässt. Die junge Kanadierin Sarah Gadon schafft es, Grace Marks so zu verkörpern, wie sie auch der Leser im Roman antrifft – als einnehmendes Wesen, das nicht nur den Psychologen mit ihren intensiven Blicken einfängt und nicht nur er sich schließlich fragt, ob diese Augen tatsächlich lügen können?

Neben den „Grusel“-Aspekten des Prozesses und dem Gefängnisleben im 19. Jahrhundert, bietet die aufwendig produzierte Serie auch einen realitätsgetreuen Einblick in das Leben der Immigranten und zeichnet so zugleich den Grundriss und die Identität Kanadas ab. Denn nicht nur Grace´ Erinnerung und Erzählung gleichen einem Flickenteppich. Kanada selbst als Nation ist aus vielen kleinen, unterschiedlichen Stoffen zusammengesetzt. So sind Roman und Serie nicht nur das Portrait von Grace Marks, sondern ein Stück weit auch das des Landes Kanada.

Den Roman „Alias Grace“ solltet ihr in jeder guten Buchhandlung finden, gern natürlich auch im Original. Die Serie ist seit dem 3. November bei Netflix zu sehen.

 

Foto: Pixabay, CC0-Creative Commons 

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