Rückblicken

Am Ende eines Jahres schmieden wir Pläne für das neue – spätestens heute, am ersten Tag des frisch angebrochenen Jahres, muss man schließlich seine Liste mit Wünschen und Vorsätzen fertig und an den Kühlschrank gepinnt haben. Nur nicht vergessen, Kästchen hinter die einzelnen Listenpunkte zu zeichnen, damit jene abgehakt werden können, die erfüllt wurden. Oder bin ich eher der Durchstreichtyp? Sind die Aufgaben auf der Liste solche, die abgearbeitet werden, um dann endlich ausatmen und aus der Beklemmung eines Termin-Damoklesschwertes, das über einem schwebt, ausbrechen zu können?

Als erwachsener Mensch, der für sich selber verantwortlich ist, aber noch nicht fest im Berufsleben steht, kommt es häufig vor, dass solche belastenden Erfahrungen damit zusammenhängen, ob man gerade sein Leben finanzieren kann oder es brenzlig wird, aber besonders im steten Kreisen um die materiellen Dinge spürt man dann die Sehnsucht nach den Ruhepolen, Menschen, die einen zurückholen und das Leben wieder schätzen lernen lassen, Leben außerhalb von Ereignissen und Stichpunkten. In diesem Jahr habe ich einen Freund gewonnen auf eine seltsame Weise. Wir hatten keinen gemeinsamen Kurs in der Uni, nur wenig gemeinsame Interessen als Anknüpfungspunkte – wir haben einfach sehr viel Zeit miteinander verbracht. Unsere Gespräche fanden nicht auf der Ebene der gemeinsamen Unterhaltung über gemeinsame Erlebnisse statt, auf der das neue Skript oder die schlechte Organisation des Dozenten diskutiert wird. Jeder erzählte von sich, von seinem Tag, von seinen Erlebnissen. Und das Gegenüber stellte erstaunliche Fragen, weil es kein Fundament aus Halbwissen und angenommener Gleichheit gab, auf dem wir beide im Bus sitzen, über das wir nach Hause oder in die Stadt spazieren konnten. Die Beharrlichkeit und Konstanz hat zwischen uns ein Band entstehen lassen, das einfach auf Erfahrung beruht. Erfahrung, dass der andere mir nichts tut, Erfahrung, dass er Teil meines Lebens ist. Einfach Dasein.

Diese Freundschaft habe ich mir nicht vorgenommen. Ich habe nicht auf Tinder nach ihr gesucht und bin nicht über sie gestolpert bei einem gemeinsamen Uniprojekt. Alles, was ich aus ihr ableiten könnte für mein neues Jahr, wäre wohl, dass die wichtigen Dinge mich unerwartet treffen können und es sich nicht lohnt, zu versuchen, große Pläne zu schmieden. Was ich mir aber vorgenommen habe: Immer genug Zeit in den Kalender planen, um eine Aufgabe auch plötzlich um ein paar Tage verschieben zu können. Denn es ist wichtig. Wichtig in den richtigen Momenten da zu sein und Zeit schenken zu können, die Gewöhnung und Vertrauen wachsen lässt. Über das Erkennen von Freundschaft, von guten Dingen, die da sind:

Ode an die Freunde

Das Haben derselben erscheint ihm zunächst ganz klar.
Beim nächsten Bier, das die nette Bedienung über die Theke schiebt,
ist er sich nicht mehr sicher.
Als er schließlich, seine Gesundheit und sein Denkvermögen bedenkend, zu Wasser übergegangen ist, fällt ihm auf, dass er das Reden und Mitteilen seiner Gedanken, Gedanken wie dieser, mit niemandem teilen kann.
Und so verlieren sich seine Freunde – verstreut durch den Wind eines einzelnen Gedanken.

Noch später ist er verzweifelt.
Seine Gesundheit und sein Denkvermögen sind ihm egal.
Rotwein erscheint ihm jetzt gleichgültig. Gleichgültig ist besser als seine Beziehung zu den meisten anderen Dingen dieser Welt und so beschließt er eine Verbindung des Rotweins, eines schweren, süßlichen Rotweins, mit seiner Magensäure.
Niemand, dem er je anvertraute verstand es, ihn zu verstehen. Sie hörten zu und verstanden nichts.
„Sie hörten zu“, greift er seinen eigenen Gedanken nochmals auf.
„Sie hören zu“, sagt er zu der netten Bedienung, die ihn verwirrt, ein bisschen mitleidig, anlächelt.
„Sie werden zuhören und zugehört haben“, nochmal.
Ich habe Freunde, denkt er.
In vino veritas.
Dann beschließt er, die vor wenigen Minuten befürwortete Verbindung aufgrund seiner neuen Erkenntnisse nicht mehr zu benötigen.
Er vertraut sich der netten Bedienung an: „Sie hören zu“, er lacht.
Mit ihrer Hilfe findet er die Kloschüssel.
Mancher Rausch lohnt. Doch kann er nicht hören.
Die nette Bedienung gibt ihm ihre Nummer.
Er guckt ungläubig, er nimmt sie, legt 2397 Cent auf die Theke und geht. Genießt den Sommerregen, der ihn durchnässt. Und den Duft von Asphalt. Und die Stille Nicht-Berlins.
Und das Alleinsein.
Er fühlt sich, als käme er geradewegs aus dem Kino.
Er wünscht sich ein kleines Zimmer, nur mit einem Bett, einem Schreibtisch mit Papier und Füller darauf, einer Lampe, einem Fenster mit Fensterläden davor.
Er geht in den Wald, legt sich unter einen Baum,
will nie wieder aufstehen.
schläft seinen Rausch aus
und hat alle wunderbaren Gedanken,
alle Pläne wieder vergessen.
und das Fliegen wieder verlernt.

Bildquelle: Pixabay / CCO 1.0 / Jörg Peter (jpeter2)

 

 

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