Menschwerden

Schon immer gab es Dinge, Personen, Geschehnisse oder Trends, die man verurteilen konnte, wollte oder musste. Seine Meinung frei äußern zu dürfen, ist einer der Grundpfeiler unserer Gesellschaft. Aber – und vielleicht trifft das gerade in diesen Tagen besonders zu – immer gilt: Der Ton macht die Musik.

Seitdem sich die politische Landschaft in Deutschland (und dem Rest der westlichen Welt) verändert, scheint auch der Umgangston im Wandel begriffen. Da wird ein Atomkrieg bei Twitter angedroht, woanders mit Macheten auf linke Aktivisten gewartet oder angekündigt, der politischen Konkurrenz „in die Fresse“ zu schlagen. Gewalt hat längst (wieder) Einzug in die Sprache der Politik gehalten. Sie richtet sich gegen alles und jeden, der anderer Meinung ist, das „falsche“ Geschlecht hat, die „falsche“ Person liebt und allgemein nicht so ist, wie man es gerne hätte. Verbale Fehltritte sind zum Alltag der Berichterstattung geworden, niveauvolle Äußerungen der Kritik oder Bedenken sucht man hingegen häufig vergeblich.

Was angesichts dieser erschreckenden Entwicklung meist nur noch hilft, ist eine ordentliche Prise Humor. Genau dort setzt Satire an, die sich zwar oft auf einem schmalen Grad zwischen Angemessenheit und Unverhältnismäßgkeit bewegt (man erinnere sich an Böhmermanns Schmähgedicht), aber dennoch häufig einen Ton zu treffen imstande ist, der Kritik einerseits ungeschminkt deutlich macht, andererseits aber mit einem humorvollen Augenzwinkern die Schärfe aus der Situation herausnimmt.

Besonders als Reaktion auf die wachsende rechte Bewegung haben sich in den vergangenen Monaten einige Projekte formiert, die die Öffentlichmachung von verbaler Gewalt beziehungsweise der Verherrlichung von Gewalt seitens des rechten Spektrums verfolgen.

Eines davon ist die Facebook-Seite Hooligans gegen Satzbau, kurz HoGeSatzbau, die mit ihrem Namen auf die rechtsorientierte Bewegung Hooligans gegen Salafisten (HoGeSa) anspielt. Sie selbst schreiben über sich: „Die Hooligans Gegen Satzbau haben es sich zur Aufgabe gemacht, internationalen Bildungsflüchtlingen einen Ort zu bieten, an welchem sie ihre Menschwerdung sprachlich liebevoll erarbeiten können. Dazu korrigieren wir Beiträge, die diese Wutmenschen in den Weiten des Weltnetzes zum Besten geben, verteilen Tipps zur Orthografie und beantworten ihnen nie gestellte Fragen zu Meinungsfreiheit, Krieg, Flucht, Empathie und Menschlichkeit.“

Auch für das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) ist Menschwerdung ein wesentliches Ziel seiner Arbeit. Mit dem Kunstprojekt „Deine Stele“ setzte die Aktivistengruppe ein Zeichen gegen die Äußerungen des AfD-Politikers Bernd (!) Höckes, der das Berliner Holocaust-Mahnmal als „Denkmal der Schande“ bezeichnet, eine Loslösung von Schuldgeständnissen der Deutschen an ihre Geschichte gefordert und so das Andenken an sechs Millionen ermordete Juden in Frage gestellt sowie den industriellen Massenmord an ihnen relativiert hatte. Dafür mietete das ZPS vergangenes Jahr das Nachbargrundstück Höckes in Thüringischen Bornhagen an und platzierte 24 Betonstelen – als exakte Nachbildungen des Mahnmals in Berlin – in Sichtweite vor Höckes Haus, mit der Forderung seines Kniefalls vor dem Mahnmal. Seitdem reißen die Pressemeldungen um das Künstlerkollektiv nicht ab. Während Höcke die Gruppe als „terroristische Vereinigung“ bezeichnet, hagelt es gleichzeitig Hassanrufe und Morddrohungen durch AfD-Anhänger beim ZPS. Die Ironie dahinter muss man wohl kaum betonen. Wohl aber die Relevanz der Aktionen von HoGeSatzbau, dem ZPS und zahlreichen weiteren, die den Aussagen mancher den Spiegel vorhalten und sie so aus sich selber heraus zu dekonstruieren im Stande sind.

Foto: By K. Weisser – Self-photographed, CC BY-SA 2.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12313104

 

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