Ku´damm 56 & 59

Der Ku´damm ist Berlin, ist Deutschland. Das Schicksal der Familie Schöllack ist das Schicksal so vieler Familien, ist unsere Vergangenheit. Der deutsche Fernseh-Mehrteiler „Ku´damm 56 & 59“ porträtiert das Leben der Familie Schöllack zwischen den Jahren 1956 und 1959. Caterina Schöllack betreibt nach dem Verschwinden ihres Ehemannes in den Wirren des Zweiten Weltkrieges eine Tanzschule auf dem Ku´damm. Neben dem Erfolg ihrer Tanz- und Benimmkurse ist das „Unter-die-Haube-Bringen“ ihrer drei Töchter Thema und Ziel Nummer Eins der Mutter.

Über die Qualität der mittlerweile zwei Staffeln des Mehrteilers mit je drei 90-minütigen Filmen war die Presse sich einig: die Filme wurden mit Lob und Auszeichnungen überschüttet. Und das zu Recht. Wir begleiten Familie Schöllack nunmehr von 1956 bis 1959 und erleben anhand der ProtagonistInnen eine Befreiung, eine Emanziaption, einen regelrechten Kampf um Freiheit und Glück.

Mit allen Mittel und unter den widrigsten Bedingungen will Frau Schöllack ihre Töchter so gut es geht verheiratet und vor allem versorgt wissen. Dass die drei jungen Frauen ihre eigenen Ideen und Wünsche haben, ist natürlich vorprogrammiert. Die Älteste, Helga, heiratet einen angehenden Staatsanwalt. Dass sie sich in ihn verliebt hat, interessiert ihre Mutter allerdings recht wenig, denn für sie zählt nur, dass ihr Schwiegersohn Staatsanwalt wird. Dass Liebe in Helgas Fall nicht reichen wird, muss sie jedoch bald am eigenen Leib erfahren. Die jüngste Tochter Evi folgt ganz der Indoktrination ihrer Mutter, und überhaupt der damaligen Zeit, und hat sich in den Kopf gesetzt, ihren Chef, den Professor einer psychatrischen Klinik, zu ehelichen. Knapp 25 Jahre älter als die lebenslustige Evi, steht auch diese Ehe unter keinem guten Stern. Doch Evi möchte um alles in der Welt Professorengattin werden. Ganz dem Vorbild und der Anleitung ihrer Mutter nach, will sie es schaffen nach oben zu kommen, wohlhabend und finanziell sorglos zu sein. Ungeachtet dessen, dass auch in diesem Falle die eine Komponente nicht unbedingt zum Glück ausreicht.

Zu den beiden „pflegeleichten“ Töchtern kommt das Sorgenkind der Mutter hinzu: Monika. Die junge Frau, beeindruckend gespielt von Sonja Gerhardt, wird aus der Hauswirtschaftsschule geworfen, was letztlich die Sorge der Mutter bestätigt, dass Monika niemals einen Ehemann finden wird, und der Familie nichts als Scham und Schande bringt. Dass sich nach nicht all zu langer Zeit gleich zwei Männer auf die ein oder andere Weise um Monika „bemühen“, hätte ihre Mutter nicht vermutet. Trotzdem der eine der beiden, Monika vergewaltigt, hat ihre Mutter keine Skrupel, hier eine Ehe anzustacheln – sie wittert die Chance einer vielversprechenden und rachsüchtigen Verbindung. Damit nimmt die Geschichte ihren Lauf und wir erleben, wie die unscheinbare Monika langsam Kontur annimmt. Wie Sonja Gerhardt der unsicheren und verzweifelten Monika mehr und mehr Leben einhaucht, ist eine Freude für den Zuschauer.

Bei Monikas „Menschwerdung“ und „Selbstfindung“ spielt das Tanzen eine besondere Rolle. Gegen den Willen ihrer Mutter beginnt sie zu damals sogenannter „Negermusik“ Rock ´n´Roll zu tanzen und tanzt sich so regelrecht aus dem Dunstkreis der Konventionen und Regeln heraus und beginnt endlich sie selbst zu sein. Dass Sonja Gerhardt und ihr Film- und Tanzpartner Trystan Pütter für die atemberaubenden Rock ´n´Roll-Szenen das Tanzen extra gelernt haben, ist mehr als beeindruckend.

Wie Mutter Schöllack ungeachtet der Gefühle ihrer Töchter deren Zukunft plant, sich nicht einmal für die Ängste und Bedürfnisse ihrer Mädchen interessiert, ist erschreckend und lässt dem Zuschauer so manchen Schauer über den Rücken laufen. Dass man als Zuschauer vor den Bildschirmen sitzt und zittert wenn dem Ehemann die Hand ausrutscht, wenn zwei Menschen heiraten, die sich offensichtlich nicht lieben, wenn sich Menschen vor lauter Hoffnungslosigkeit den Freitod vorziehen, steht und fällt mit dem großartigen Ensemble der Filme. Von den altbekannten Darstellern Claudia Michelsen und Uwe Ochsenknecht über die Newcomer Maria Ehrich oder Sabin Tambrea, die Schauspieler harmonieren und lassen die Geschichten zu echten Lebensgeschichten werden.

Dass die Gesellschaft es in Bezug auf Gleichberechtigung und weibliche Selbstbestimmung geschafft hat, innerhalb von sechzig Jahren eine solche Kehrtwende zu machen, ist eine Leistung, die sich die heutige Generation immer wieder mit Dankbarkeit in Erinnerung rufen sollte.

Liebe, Streit, Krieg, Schuld und Sühne – all dies braucht ein wahrer Epos – und all dies haben die Ku´damm-Filme. Möge das Ensemble, der Regisseur und die Drehbuchschreiberin noch lange ihre Zelte am Ku´damm aufschlagen und uns so einen Epos schenken, der uns zeigt woher wir kommen und in welche Zustände wir auf keinen Fall wieder zurückkehren dürfen. 

„Ku´damm 56“ und „Ku´damm 59“ sind in der ZDF-Mediathek kostenlos anzuschauen.

 

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