Zwei Schwestern in Mogiljow: Deutsch und andere Abenteuer

Tag der deutschen Sprache in Belarus

Nach einem Praktikum vor vielen Jahren beim Verein Deutsche Sprache (VDS) hatte es weiterhin Kontakt und gelegentliche Zusammenarbeit gegeben, und dieses Jahr im Oktober reisten wir zwei Schwestern Alexandra und Janina über den Verein als Deutschlehrerinnen für zwei Wochen nach Mogiljow. Wir beide haben eine Qualifikation zur DaF-Lehrerin und freuten uns, zwei Wochen an der Staatlichen Universität A. Kulescow Unterrichtserfahrung sammeln zu dürfen.

Herr Stawski war als Regionalvertreter des VDS in Weißrussland unser Ansprechpartner vor Ort. Obwohl er selbst nicht als Deutschlehrer tätig ist, sondern am Soziologielehrstuhl unterrichtet, engagiert er sich mit viel Begeisterung für die Förderung der deutschen Sprache an der Universität. Auch hatten wir im Vorhinein schon den Stipendiaten der Universität Mogiljow, Vladislav, kennengelernt – während seines mehrwöchigen Aufenthaltes in Deutschland im Frühjahr. Mit beiden standen wir also schon vor unserem Aufenthalt in Kontakt. Trotzdem gelang es uns nicht, die für unsere Unterrichtsvorbereitungen relevanten Informationen im Vorhinein in Erfahrung zu bringen (Kursgröße, Sprachniveau, konstante oder wechselnde Gruppen, Informationszugang, Räumlichkeiten und Ausstattung etc.). Also ließen wir uns einfach überraschen und starteten mit neugierigen Erwartungen.

Unterrichtsvorbereitung

Bei unserer Ankunft wurden wir von Herrn Stawski sehr herzlich empfangen, er holte uns sogar vom Flughafen in Minsk ab. Als wir dann nachts nach mehrstündiger Busfahrt in Mogiljow ankamen, bezogen wir ein schönes, voll ausgestattetes Appartement im Studentenwohnheim, das als Dozent*innenzimmer über höhere Standards verfügte. Zur Wohnung gehörte sogar ein Router, sodass wir glücklicherweise unseren Unterricht gut dort vorbereiten konnten – denn zu unserer Überraschung war ein für uns essenzieller Informationszugang via Internet für alle Studierenden nicht selbstverständlich: Weder in den regulären Wohnheimzimmern noch an der Universität war WLAN vorhanden.

Am ersten Tag lernten wir die Uni kennen und damit auch die drei Deutschlehrerinnen Tanja, Natalia und Albina, die uns sehr herzlich und mit offenen Armen empfingen. Auch unsere Aufgaben wurden jetzt etwas deutlicher: Wir würden zwei Doppelstunden Deutsch am Tag unterrichten. Da uns vorab relevante Informationen gefehlt hatten, war klar, dass ein gewisser Zeitrahmen für eine gute Unterrichtsvorbereitung unerlässlich war. Das stieß eher auf Verwunderung und scheint nicht üblich – und auch zeitlich kaum zu stemmen – zu sein. Die drei Deutschlehrerinnen unterrichten jeweils vier Doppelstunden am Tag und haben noch verschiedene Zusatzaufgaben zu leisten, die sie teilweise nachts erledigen. Trotz Zeitdruck und Stress waren sie aber stets für Fragen ansprechbar und genossen fachlichen Austausch und den einen oder anderen Kaffee mit uns.

Deutschlektorinnen an der Uni in Mogiljow

 

Bei unserer ersten Deutschstunde standen wir vor der ersten Herausforderung: Die für den Frontalunterricht angeordneten Tische mussten so umgestellt werden, dass überhaupt eine gemeinschaftliche, kommunikative Unterrichtssituation möglich wurde. Der Deutschunterricht scheint sehr theoretisch mit wenig Anwendungsbezug abzulaufen: Die Hemmschwelle, Deutsch zu sprechen, war zu Beginn für fast alle Studierenden sehr hoch. Es war schön, trotz der ersten Schüchternheit großes Interesse und Motivation zu bemerken. Durch lockeren und freundschaftlichen Unterricht, wechselnde Methoden (Sprachspiele, Arbeit in Kleingruppen) und spannende Materialien (Videos, Landkarten) konnten wir die Angst vor dem Sprechen im Laufe der Zeit etwas senken. Dennoch empfanden wir das gesprochene Deutsch als sehr konstruiert und realitätsfern, was sicherlich auch an veralteten und teilweise fehlerhaften Lehrmaterialien und dem oft nicht vorhandenen Bezug zu Muttersprachlern, zur deutschen Sprache und Kultur liegt. So trafen wir in Gorki beispielsweise eine Lehrerin, die selbst noch nie in Deutschland gewesen ist.

Wie die Deutschlehrerinnen hatten auch wir zum Teil mit den schwierigen Arbeitsbedingungen an der Universität – nur ein Beamer für alle, alter und langsamer Computer und Drucker – zu kämpfen. Außerdem stellten die kurzfristigen Planungsgewohnheiten ein Lernfeld für uns dar: Ob die Universität während einer politischen Großveranstaltung geschlossen haben würde, wurde erst zwei Tage vorher offiziell; ein Umzug aufgrund dieser Großveranstaltung von unserem Appartement in ein reguläres Zimmer fand von heute auf morgen statt; und bei unserem Tagesausflug nach Gorki ans College erfuhren wir auch erst vor Ort, was uns eigentlich erwartete. Diese Kurzfristigkeit scheint üblich zu sein, war für uns aber neu und herausfordernd.

Zu unseren Deutschstunden kamen zwei interessante Veranstaltungen mit Herrn Stawski am Lehrstuhl Soziologie, der Tag der deutschen Sprache und ein Ausflug zum College nach Gorki. Außerdem hatte Herr Stawski viele repräsentative Aufgaben und gut gemeinte Ausflugsideen für uns im Sinn. Zum Teil nahmen wir diese gern wahr, allerdings standen für uns bei unserem Aufenthalt jedoch die Studierenden und ein guter Unterricht im Vordergrund. Das führte dazu, dass wir uns immer wieder abgrenzen mussten, um uns Zeit für Vor- und Nachbereitung und Erholungszeiten explizit zu nehmen. Besonders in den ersten Tagen gab es viele organisatorische Dinge zu erledigen, die Herr Stawski als unser Gastgeber völlig selbstverständlich für „die zwei Mädchen“ in die Hand nahm. Die sicherlich von Herzen kommende Gastfreundschaft löste bei uns erwachsenen und sehr reiseerfahrenen Frauen jedoch zwischenzeitlich ein Gefühl der Bevormundung aus, für das wir versuchten, zu sensibilisieren.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass wir die Erfahrungen in Mogiljow und den interkulturellen Austausch sehr genossen und sehr viel dadurch gelernt haben. Unsere interaktiven Unterrichtsmethoden stießen auf Unsicherheit, aber auch große Neugierde. Sowohl von den Lehrerinnen als auch den Studierenden haben wir alles in allem viel positive Rückmeldung erhalten und wir hoffen,dass wir die deutsche Sprache greifbarer machen und etwas Begeisterung und Motivation auslösen konnten. Für die Gastfreundschaft und Unterstützung aller Beteiligten sind wir sehr dankbar. Auf Wiedersehen, Belarus!

Ein Gastbeitrag von Janina und Alexandra Erdmann