Reinhard Mey – Der Lieder-Macher

Er gewann als erster ausländischer Sänger den „Prix International de l’Académie de la Chanson Francaise“.

Er wurde und wird mit Auszeichnungen überschüttet – ein Beweis für seine außerordentlich große Beliebtheit in allen Altersgruppen. Vor wenigen Jahren erhielt er den „Preis der Deutschen Schallplattenkritik“. Dass man ihm diesen Preis gerade in Berlin überreichte, ist nur konsequent. Denn hier wurde Reinhard Friederich Michael Mey 1942 geboren, besuchte das französische Gymnasium und begann seine musikalische Laufbahn. Nach ersten Erfahrungen in zwei Musikgruppen kam im Jahr 1964 sein erstes Lied „Ich wollte wie Orpheus singen“ heraus. Schon 1967 erhielt Mey einen französischen Plattenvertrag und gewann kurze Zeit danach mit einigen herausragenden französischsprachigen Werken den „Prix International de l’Académie de la Chanson Francaise“, und zwar als erster ausländischer Sänger überhaupt.

In den 70er Jahren heimste Reinhard Mey in Deutschland eine Goldene Schallplatte nach der anderen ein und erhielt eine eigene, nach ihm benannte Fernsehshow. Außerdem wurden seine Liedtexte in mehreren französischen Schulbüchern für Deutsch in der Oberstufe als Lernmaterial veröffentlicht. Titel seiner Lieder wie „Der Mörder ist immer der Gärtner“, „Die heiße Schlacht am kalten Buffet“ oder „Über den Wolken“ wurden in dieser Zeit sogar zu geflügelten Worten. Es folgten zahlreiche weitere Veröffentlichungen, darunter sechs allein in Frankreich.

Neben seinem musikalischen Schaffen ist auch sein soziales Engagement zu betonen. Sein karitativer Einsatz brachte dem dreimaligen Familienvater zweimal ein Bundesverdienstkreuz ein. Dass Reinhard Mey auch heute noch nicht zum „alten Eisen“ zu zählen ist, bewiesen nicht zuletzt seine aktuellen Studioalben, die weit oben in der deutschen Album-Hitliste landeten. Auch auf seinen Tourneen kann er sich nicht über mangelnde Beliebtheit beklagen. Seine Konzerte sind meist schon Wochen vor Beginn ausverkauft. Er kann heute stolz behaupten, der bekannteste Liedermacher im deutschsprachigen Raum zu sein.

Auf einer Pressekonferenz des Vereins Deutsche Sprache (VDS) und des Deutschen Musikexportbüros sprach sich Reinhard Mey für eine bessere Förderung deutschsprachiger Musik in den deutschen Medien aus.

Der Wortlaut von Reinhard Meys Plädoyer auf der Pressekonferenz im Berliner Tränenpalast:

Im Jahre 1986 – Sie sehen, der Liedermacher ist schon immer seiner Zeit voraus gewesen – habe ich zu diesem Thema ein Lied gemacht: „My English song“. Darin heißt es:

I think that I make something wrong
I once must make an English song
Cause in my radio everyday
I hear them English music play
And all the radio people stand
On songs they cannot understand!

So I sing English now
That’s really animally strong
And you can hear my English song all day long
Out of your loudspeaker at home
Or driving in your car
All over this our land wherever you are
From the RBB to the WDR.

Sie können sich tagtäglich auf den Radiowellen dieses, unseres Landes davon überzeugen, dass das Lied von seiner Aktualität nichts verloren hat: Es wird fast ausschließlich englischsprachige Musik gespielt, zumindest auf den Sendern, deren Nachrichten und Textbeiträge einigermaßen erträglich sind und dem IQ eines durchschnittlich vernunftbegabten deutschen Otto Normalverbrauchers entsprechen. Natürlich gibt es auch vereinzelt ein paar verirrte Spartensender, die ausschließlich auf deutsche Schlager spezialisiert sind, aber das ist das andere, keinesfalls wünschenswerte Extrem von einem Dudelfunk, der den ganzen Tag diesen grenzdebilen Schlagerschrott spielt und diese unsägliche sogenannte Volksmusik (die nichts, aber auch gar nichts mit Volksmusik zu tun hat).

Den Normalfall erlebe ich, wenn ich in Berlin das Radio anmache: Da fliegt mir die anglo-amerikanische Meterware nur so um die Ohren, nicht nur bei den Sendern, die meine Kinder hören (wo die Meterware dann noch am frischesten ist!), sondern bei den ganz biederen und gesetzten Wellen, die auch ein Seniorenpublikum wie mich ansprechen wollen. Vielleicht um dieser Altersschicht gerecht zu werden, gibt es dann die Uralt-Hits, bei denen ich damals im vorigen Jahrhundert schon beim ersten Hören die ungute Vorahnung hatte, dass ich mir diesen Scheiß mein ganzes Leben lang werde anhören müssen. „I’m your yesterday man“ sang ein seherisch veranlagter Barde in den 60ern, „I’m your yesterday man“ singt eine Kartei-Leiche immer noch! Warum? Und gibt es einen Grund „Chirpy-chirpy-cheap-cheap“ auszukuhlen? Nein, aber egal, englisch muss es sein.

Den anderen Ferien-Sonderfall erlebe ich, wenn ich an die Nordsee auf des Berliners liebste Ferieninsel fahre: Am Dreieck Havelland schalte ich NDR2 ein, wegen des Verkehrsfunks – nicht wegen der Musik. Die Musikauswahl wird mir zwar gebetsmühlenartig als „die größte Vielfalt“ angepriesen, besteht aber ausschließlich aus den englischen Top 100 und ein paar immergleichen Oldies. Wenn ich nach 5 1/2 Stunden Fahrt in Westerland ankomme, hätte ich 5 1/2 Stunden rein englisches Programm gehört, wären da nicht die Nachrichten in deutscher Sprache und der Verkehrsfunk, wirklich! Also ich will bei der Wahrheit bleiben, ich geb’s zu, einmal hab ich auch Grönemeyer gehört! Auf der Konkurrenzwelle RSH das gleiche Drama: „Die größte Abwechslung“ heißt es da und es gibt noch mehr Werbung. Es gibt einfach keine Alternative.

All das hat dazu geführt, dass viele junge Leute, die singen wollen und die Aussichtslosigkeit erkannt haben, das in ihrer Muttersprache tun zu können, darauf ausgewichen sind, in englisch zu schreiben und zu singen. Ein verzweifeltes Unterfangen, was sich mir nicht nur subjektiv als extra peinlich darstellt, sondern was auch oft objektiv an so einfachen Kriterien wie Sprachkenntnissen und Akzent scheitert. In England oder Amerika kriegen unsere englisch singenden Deutschen keinen Fuß in die Tür, da sind sie Lachnummern, die höchstens mal einen Erfolg dort verbuchen können, wo man noch schlechter Englisch versteht und mit mehr Akzent spricht als in Deutschland, also Froonkreisch, Russland und Südkorea …

Wie ist es dazu gekommen? Ich glaube die Wurzeln liegen in einer Identitätskrise. Nach dem zweiten Weltkrieg war uns alles Deutsche suspekt, vieles davon zu Recht. Unsere größten Wortkünstler, unsere besten Musiker, unsere Kulturschaffenden hatten wir ermordet oder ins Exil getrieben. Deutschland lag kulturell – von unseren Klassikern mal abgesehen – genauso zerstört am Boden wie die Städte. In diese Wüste kamen AFN und BFBS mit neuer, herbeigesehnter, langentbehrter Musik: mit Jazz, Swing und später Rock’n Roll. Und der Erfolg dieser Musik hat natürlich die Nachahmer beflügelt und damit begann das ganze Elend! Nichts ist schlimmer als nachmachen, nichts peinlicher als der Versuch, ein Original zu kopieren, das man gar nicht erreichen kann. Das war die Geburtsstunde der Verachtung für den deutschen Schlager. Denn wenn er vor dem Krieg oder in der unmittelbaren Nachkriegszeit oft von großer Originalität und Witz geprägt war, entstanden nun wirklich miese, lausige Imitationen und unsägliche Nachzieher. Deutsch war abgehalftert und zwar zu Recht. Diese Nachzieher haben den Boden so nachhaltig verbrannt und versaut, dass sich der deutsche Schlager davon bis heute nicht erholt hat, von ein paar ganz wenigen Ausnahmen abgesehen. Denn noch immer kopiert er, noch immer klaut er, und solange er nichts eigenes, originelles erschafft, wird er immer schlechter sein als das Original auf dessen Schleimspur er hinterhersabbert. Die Rundfunkredakteure, die einen gewissen Anspruch haben wollten, haben einen Bogen um alles Deutsche gemacht. Wer was auf sich hielt, spielte nur englisch. In den 60er und 70er Jahren platzten wir Liedermacher in dieses Deutsch-Vakuum und als Alternative (manchmal auch als Alibi) freudig begrüßt, fanden wir offene Studiotüren. Es gab eine richtige Liedermacherwelle, aber wie alle Wellen spülte auch diese manch hohle Muschel hervor und wie alle Wellen ebbte sie auch wieder ab – alles blieb beim alten: deutscher Schlager und englischer Pop. Es folgte die neue deutsche Welle, mit dem bekannten auf und ab, alles blieb beim alten: deutscher Schlager und englischer Pop.

Und dann folgte die Privatisierung des Rundfunks, von der wir uns alle diese herrliche, überwältigende Vielfalt erhofften, diese Öffnung, diese Abwechslung. Aber statt dessen kam die totale Verarmung, die Vereinheitlichung, der überall gleiche Dudelfunk, das Elend: das Spartenradio! Ein Radio, bei dem der Marketing-Chef mit Schielen auf die Aktionäre die Musik auswählt und ein Computer bestimmt, wann sie gespielt wird. Kein Redakteur, der mehr mit liebender Hand und Sachverstand die Auswahl trifft, der vielleicht auch mal daneben haut, nein, kein Risiko, es geht nur noch auf Nummer sicher: was Quote bringt, wird gespielt – was angeblich gewünscht wird. Aber wenn nur eine Sorte Musik gespielt wird, dann gewöhnt sich der Mensch daran und schließlich dressiert und domestiziert, bestellt er sie sich sogar.

Ich denke immer an den Vergleich mit dem Schuhgeschäft, in dem es braune, weiße, schwarze und blaue Schuhe gibt. Wenn aber immer nur die braunen ins Fenster gestellt werden, kaufen die Leute irgendwann auch nur noch braune und nach und nach wird die Produktion der anderen Farben eingestellt werden. Und der Musikredakteur kennt nur noch die enge Auswahl dessen, was er zu spielen hat. Und auch die nicht mehr wirklich: Er sieht auf seinem Monitor im Studio den nächsten Titel, er kann ihn nicht ändern oder verschieben, er braucht ihn nicht zu kennen, er sieht an farbigen Balken wie lange das Instrumentalvorspiel ist, damit er rüberquatschen kann, er sieht wie lang das Nachspiel ist, damit er Werbung anhängen kann. Jegliche Auseinandersetzung mit dem Inhalt des Liedes ist unnötig und unerwünscht – könnte ja vielleicht nicht in die Meinungsschablone des Senders passen – und da ist es natürlich am besten, wenn man nicht wirklich versteht, worum es in einem Lied geht. Was eignet sich da besser als ein Stück anglo-amerikanische Meterware? Früher wurde zu einem aktuellen Anlass vom Musikredakteur gern ein Lied genommen, das dessen Thema aufgriff – längst Vergangenheit: 1. macht es zusätzliche Arbeit, 2. könnte man sich den Mund verbrennen, also lieber ein Stück unverfängliche Pop-Musik auf Englisch.

Mir könnte das alles wurscht sein, ich habe die schönsten CDs im Auto, von Klaus Hoffmann, Kevin Johnson, Judith Holofernes, Händel, Aznavour und Gerhard Gundermann, die größte Vielfalt und die schönste Abwechslung und der Verkehrsfunk blendet sich ja durch. Mir ist es wurscht, dass ich im Radio nicht gespielt werde, ich bin ein alter Knochen und mein Publikum kennt mich und beschert nach wie vor jeder meiner Platten Gold-Status und findet auch trotz strengster Geheimhaltung den Weg in meine Konzerte. Mir ist es aber nicht wurscht, dass die jungen Künstler, die es in diesem Land so reichlich gibt, nicht gespielt werden, dass diejenigen, die sich in unserer Sprache ausdrücken wollen, kein Podium haben, um sich uns vorzustellen. So viel geht uns da verloren, so viel Gutes hören wir nicht, so viele Talente blühen, warten und verzweifeln und müssen irgendwann kläglich aufgeben, weil unsere Medien sie diskriminieren. Kein Rundfunk, kein Fernsehen, keine Zeitung gibt ihnen eine Chance: kein „Liederzirkus“, kein „Café Intakt“ – nur noch die Charts einerseits und die Volksmusik andererseits, man kann sich als junger Künstler nur noch überlegen, an welchem dieser beiden Fensterkreuze man sich aufhängen will.

Ich bin kein Freund von Dirigismus und ich habe immer auf die selbstheilenden Kräfte des Marktes gehofft, aber sie können es nicht schaffen: Bei dem massiven Einsatz der Schallplattenkonzerne, die lieber ihre fertigen amerikanischen und englischen Produkte in die Läden reindrücken, als mühsam und risikoreich neue Talente aufzubauen, sind die selbstheilenden Kräfte aus gutem Geschmack, Neugier und Freude an der Sprache zum Scheitern verurteilt. Ich sehe es ungern, aber ich sehe es ein: Es führt bei dem Verhalten unserer Medien kein Weg an einer Quote für deutschsprachige Musik vorbei, wenn wir nicht einen wichtigen Zweig unserer Kultur – und Wirtschaftszweig, meine Damen und Herren Nationalökonomen! – an unterlassener Hilfeleistung sterben lassen wollen. Ja, ich plädiere für die Quote!

Quelle: Deutsches Musikexportbüro (eine Gemeinschaftsaktion von Verein Deutsche Sprache, Internationale Medienhilfe und Deutscher Rock- und Pop-Musikerverband), www.musikexport.de