Synästhesie

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Ich wohne in einem freistehenden Haus. Draußen prasselt der Regen, es heult der Wind. Diese Unwetter sind eine Ernüchterung nach Tagen voller Sonnenschein und Frühlingsgefühlen. Trotzdem mag ich den Regen auch ein kleines bisschen. Nicht so, wie im letzten Jahr, in dem Gedanken, dass die Natur dringend wieder Feuchtigkeit braucht, auch wenn es besser wäre, wenn sie ein wenig sanfter und gleichmäßiger vom Himmel fiele; diesmal mag ich den Regen, weil er so laut auf mich einprasselt, so viel Kraft hat, so bewegt und lebendig ist.

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Manchmal höre ich den Regen, obwohl ich hinter einer dicken Glasscheibe sitze. Ich habe gute Ohren, natürlich, aber das Geräusch des Prasselns kommt gar nicht von draußen. Ich sehe die Bewegung und weiß, wie sie klingt. Wenn etwas hinfällt, drehe ich mich reflexartig um und schaue, was da umgefallen ist. Aber meist kann ich schon vor dem Sehen sagen, was es war. Oder zumindest das Material, die Form, das grobe Gewicht beschreiben, sagen, von wo herunter es gefallen und wo es aufgeschlagen ist. In meinem Kopf ist eine Datenbank nicht nur für Wörter, sondern auch für Geräusche. Dort sind Erfahrungen gespeichert, die in verschiedene Kategorien zerlegt abgerufen werden können. Wie ein Tontechniker, der die Gräusche eines Films nachsynchronisiert, kann ich mithilfe der Datenbank der Töne und Geräusche in meiner Vorstellung das, was ich sehe, vertonen.

Wiederkehrende Bewegungen finde ich besonders spannend. Versieht man sie mit Geräuschen oder Tönen – solchen, die realistisch sind oder auch solchen, die eher in die Kategorie Mickey-Mousing fallen würden – erkennt man Muster und Rythmen, die bei reiner Betrachtung nicht aufgefallen wären.

Unsere Alltagswelt ist voll von Musik, die wir jedoch häufig ausblenden, wegdämpfen oder übertünchen. Wenn wir die Kopfhörer dann für einen Moment ausschalten, fühlen wir uns plötzlich einsam. Alles ist so still hier, dabei ist die Welt reich an Leben. Auch an Regentagen.