Das fröhliche Leben

Von Johann Christian Friedrich Hölderlin

Wenn ich auf die Wiese komme,
Wenn ich auf dem Felde jetzt,
Bin ich noch der Zahme, Fromme,
Wie von Dornen unverletzt.
Mein Gewand in Winden wehet,
Wie der Geist mir lustig fragt,
Worin Inneres bestehet,
Bis Auflösung diesem tagt.

O vor diesem sanften Bilde,
Wo die grünen Bäume stehn,
Wie vor einer Schenke Schilde
Kann ich kaum vorübergehn.
Denn die Ruh an stillen Tagen
Dünkt entschieden trefflich mir,
Dieses musst du gar nicht fragen,
Wenn ich soll antworten dir.

Aber zu dem schönen Bache
Such ich einen Lustweg wohl,
Der, als wie in dem Gemache,
Schleicht durchs Ufer wild und hohl,
Wo der Steg darüber gehet,
Geht’s den schönen Wald hinauf,
Wo der Wind den Steg umwehet,
Sieht das Auge fröhlich auf.

Droben auf des Hügels Gipfel
Sitz’ ich manchen Nachmittag,
Wenn der Wind umsaust die Wipfel,
Bei des Turmes Glockenschlag,
Und Betrachtung gibt dem Herzen
Frieden, wie das Bild auch ist,
Und Beruhigung den Schmerzen,
Welche reimt Verstand und List.

Holde Landschaft! wo die Straße
Mitten durch sehr eben geht,
Wo der Mond aufsteigt, der blasse,
Wenn der Abendwind entsteht,
Wo die Natur sehr einfältig,
Wo die Berg’ erhaben stehn,
Geh’ ich heim zuletzt, haushältig,
Dort nach goldnem Wein zu sehn.

 

„Das fröhliche Leben“ von Johann Christian Friedrich Hölderlin ist ein Lobgesang auf die Natur und Landschaft. Die Natur mit Wiesen, Feldern, Wäldern und Bächen wird als ein Ort der Ruhe und der Unbescholtenheit beschrieben. Die Landschaft gewährt Freiheit von den Zwängen der Gesellschaft und von Sorgen. Die Natur wird zum Gastgeber, zu einer Herberge („Schenke“ II, 3) für den Ruhe Suchenden. Vielfach wird sie personifiziert: die Bäume stehen (II, 2), der Bach schleicht (III, 4) und der Wind saust (IV, 3). So wird die Natur zu einem Begleiter für das lyrische Ich, das durch die Landschaft streift. Charakteristisch für die Landschaft erscheint der Wind, welcher in vier Strophen Erwähnung findet (I, 5; III, 7; IV, 3; V, 4).

Die beruhigende Atmosphäre der Landschaft schlägt sich auch in der formalen Gestaltung des Gedichtes wieder. Fünf Strophen mit jeweils acht Versen, die sich zu je zwei Kreuzreimen fügen, bilden eine Regelmäßigkeit. Die kontinuierliche Wiederholung dieser Abfolge ergänzt den Eindruck eines Tagesverlaufs, den das Gedicht malt. Eingeleitet durch die Strophe „Wenn ich auf die Wiese komme“ über den Nachmittag (IV, 2) bis zum Abendwind in der letzten Strophe, trägt das regelmäßige Reimschema durch das Gedicht und das lyrische Ich durch den Tag in der Natur.

Friedrich Hölderlin, Pastell von Franz Karl Hiemer, 1792 (Bildquelle: Wikipedia, gemeinfrei)

Friedrich Hölderlin, Pastell von Franz Karl Hiemer, 1792 (Bildquelle: Wikipedia, gemeinfrei)

Johann Christian Friedrich Hölderlin wird am 20.03.1770 im Herzogtum Württemberg in eine kirchliche Familie geboren. Seine Mutter ist Pfarrerstochter und sein Vater Klosterpfleger, er verstirbt als Hölderlin zwei Jahre alt ist. Die Mutter heiratet ein zweites Mal, nach Friedrich und seiner Schwester Henrike bekommt die Familie ein drittes Kind. Als Freidrich neun Jahre alt ist, stirbt auch sein Stiefvater.

Zunächst besucht er die Lateinschule und anschließend die Klosterschule, in der Absicht dem Wunsch der Mutter zu folgen und Pfarrer zu werden. Während seines Studiums in Tübingen schließt er unter anderem mit den Philosophen Hegel und Schelling Freundschaft. Hölderlin weigert sich zunächst das kirchliche Amt anzutreten und arbeitet als Hauslehrer. 1794 geht er nach Jena und lernt Goethe und Schiller kennen. Aus Angst sein großes Vorbild Schiller enttäuscht zu haben, verlässt Hölderlin 1795 Jena und kehrt verwirrt und verwahrlost in sein Elternhaus zurück. Fortan arbeitet er als Hauslehrer und verliebt sich in Susette Gontards, die Mutter der zu unterrichtenden Kinder. Diese Liebe findet Niederschlag in seinen Briefroman „Hyperion“. Mit der Liebe zu ihr endet seine Tätigkeit als Hauslehrer und er begibt sich mittellos zu seinem Freund Isaac von Sinclair. Hölderlin leidet an Hypochondrie und nimmt immer wieder Beschäftigungen als Hauslehrer an, die er meist nach kurzer Zeit beendet. 1802 erfährt er von dem Tod seiner Liebe Susette und zieht daraufhin wieder zu seiner Mutter. Er lenkt sich mit Arbeit ab und so entstehen in dieser Zeit viele Übersetzungen (u.A. von Sophokles und Pindar) und er konzipiert Gesänge.

Hölderlin zeigt zunehmend Zeichen des Wahnsinns auf, weshalb er 1806 einer Zwangsbehandlung am Universitätsklinikum Tübingen unterzogen wird. 1807 wird er als unheilbar an Ernst Zimmer, einen Bewunderer seines Werkes „Hyperion“ übergeben. Sein literarisches Schaffen dieser Zeit ist von Erregung und Apathie geprägt. 1812 erkrankt er auch körperlich an einer nicht genauer diagnostizierten Krankheit, dehnt unter dieser aber seine kreativen Tätigkeiten aus. 1826 geben Schwab und Unhland seine erste Werkssammlung heraus. Ab 1837 schreibt Hölderlin unter dem Namen Scardanelli – wohl auch, werl er in seinem Tübinger Turm für Besucher zu einer Attraktion geworden ist. Am 7. Juni 1843 verstirbt Hölderlin. Seine Grabstätte auf dem Tübinger Stadtfriedhof ist erhalten.