Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort

Von Rainer Maria Rilke

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus.
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist der Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um

 

In dem dreistrophigen Gedicht „Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort“ (1899 erschienen) von Rainer Maria Rilke fürchtet sich das lyrische Ich vor den Worten der Menschen. Es fürchtet sich vor der Deutlichkeit ihrer Worte, vor dem Spott der Leute und vor ihrem Hochmut. Darum warnt das lyrische Ich die Menschen, fern zu bleiben. Mehrere Alliterationen sorgen für einen schnellen Takt, wie z.B.“Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus“ im dritten Vers, „ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott“ im achten Vers oder auch „starr und stumm“ in der elften Verszeile.

Das Reimschema wird mit der dritten Strophe auf formaler Ebene unterbrochen. Während die ersten beiden Strophen ein umarmendes Reimschema aufweisen, ist die dritte Strophe durch Paarreime gestaltet. Dies mag eine Konsequenz des Bruches sein, der auf inhaltlicher Ebene stattfindet, wo die Menschen im Vergleich zu den ersten beiden Strophen direkter und eindrücklicher angesprochen werden („Ihr rührt sie an“ V.11 und „Ihr bringt mir alle die Dinge um“ V.12).

Das Wort „Ding“ (V. 10 und 12) ist hier keineswegs abwertend gemeint, sondern wird durchweg liebevoll für Lebewesen und Gegenstände verwendet und kann als ein Teil von Rilkes Beschäftigung mit den Dinggedichten gesehen werden, einem Gedichttypus, den er seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entschieden mitgeprägt hat. Darin erscheint die unbenannte „Dingwelt“ als lebendig, ihre sprachliche Benennung macht sie stumm.

Rainer Maria Rilke, Foto, um 1900 (Quelle: Wikipedia, gemeinfrei)

Rainer Maria Rilke, Foto, um 1900 (Quelle: Wikipedia, gemeinfrei)

Am 4. Dezember 1875 wird Rainer Maria Rilke als René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke in Prag geboren. Seit 1885 besucht er die Militärrealschule in St. Pölten, bricht die militärische Laufbahn jedoch 1891 ab, weil er sich dem rauen Soldatenleben nicht gewachsen fühlt. Weiter versucht er sich an der Handelsakademie Linz in Wirtschaft, doch wird er wegen einer Liebesaffäre entlassen. Nach bestandener Matura 1895 beginnt der sensible junge Mann zunächst ein Studium der Literatur, Kunstgeschichte und Philosophie, findet seinen Beruf aber schließlich in der Rechtswissenschaft. 1896 zieht es Rilke nach München, wo er weiterhin die Rechtswissenschaft studiert und die vierzehn Jahre ältere, verheiratete Lou Andreas-Salomé kennen und lieben lernt. 1897 folgt Rilke ihr nach Berlin, wo sie sich drei Jahre später trennen, doch bleibt sie bis an sein Lebensende seine Vertraute. Rilke heiratet 1901 Clara Westhoff, im Dezember desselben Jahres kommt ihre Tochter Ruth zur Welt. Später hält sich Rilke häufig in Paris auf, wo er seinen Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ schreibt. Seit 1910 hemmt ihn eine langwierige Schaffenskrise, die sich durch den Ersten Weltkrieg noch vertieft, da er eingezogen wird und nur durch den Beistand einflussreicher Freunde nach der Grundausbildung im Kriegsarchiv eingesetzt und kurze Zeit später gänzlich aus dem Militärdienst entlassen wird. Obwohl Rilke sich als Mensch nicht mit dem Militär vereinen wollte, tat es eines seiner Werke um so mehr, denn seine Geschichte „Der Cornet“ (heute bekannt als „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“), die er 1899 geschrieben hatte, war nach einem Verlagswechsel 1912 vor allem für die Soldaten des Ersten und Zweiten Weltkrieges ein willkommener Begleiter.

Erst im Jahr 1922 erwacht Rilkes Dichterseele in der Schweiz wieder und entfaltet sich zu voller Größe. Er vollendet die „Duineser Elegien“ und schreibt die „Sonette an Orpheus“, die einen Höhepunkt seines Werkes markieren, bevor er 1923 an einer zunächst nicht diagnostizierbaren Krankheit erkrankt. Anfang des Jahres 1926 spricht Rilke sich in Briefen an Gallarati Scotti, einer Mussolini-Gegnerin, für den Faschismus Mussolinis und die Gewaltanwendung zur Erreichung seiner politischen Ziele aus, einer Art von Gewalt, vor der er selbst wiederholt ob seines sensiblen Charakters geflüchtet war. Ende des Jahres, am 29. Dezember 1926, stirbt Rilke an einer seltenen Form von Leukämie.

Wie viele seiner Zeitgenossen hat Rilke die Beziehung zu seiner Mutter in Gedichten verarbeitet. Rilke schätzte seine Mutter hoch – bis hin zur Idealisierung. Die Abhängigkeit von ihr war ihm Zeitlebens auch ein Leid. Dies verwundert nicht, hatte sie ihn doch in den ersten Lebensjahren in die Rolle eines Mädchens (seiner früh verstorbenen Schwester) gedrängt. Seinen Vornamen René (Französisch für „der Wiedergeborene“) ändert Rilke 1897 selbst in Rainer.

Briefmarkenausgabe der Deutschen Post (2000) zum 125. Geburtstag von Rilke (Bildquelle Wikipedia, gemeinfrei)

Briefmarkenausgabe der Deutschen Post (2000) zum 125. Geburtstag von Rilke (Bildquelle Wikipedia, gemeinfrei)

Insgesamt werden Rilkes Schriften verschiedenen literarischen Stilrichtungen zugeordnet. „Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort“ wird gemeinhin als impressionistisches Gedicht interpretiert.

Der Impressionismus (Lateinisch, Eindruck) ist ursprünglich eine Stilrichtung aus der Kunst, die zum Ende des 19. Jahrhunderts auf die Literatur übertragen wurde. Impressionistische Lyrik und Literatur geben einen subjektiven sinnlichen Eindruck wieder: einen Augenblick, der bewusst wahrgenommen wird, eine Stimmung oder einen Gemütszustand. Und weil zum Beispiel Stimmungen und Seelenzustände manchmal nahezu ähnlich scheinen, obwohl sie unterschiedlich sind, führten diese feinen Unterschiede dazu, dass die impressionistischen Dichter auch ihre Wortwahl verfeinerten.