Glück

Elegius Franz Joseph Freiherr von Münch-Bellinghausen (Friedrich Halm)

Glück

Was jeder sucht, und was so wen’ge kennen,
Wonach wir Alle jagen stets und rennen,
Wofür selbst Greise glühen noch und brennen,
Glück, was ist Glück? Wer weiß es mir zu nennen?

Befriedigung? – Das Herz kennt keinen Frieden!
Und Ruhe? – Wem war jemals sie beschieden?
Freiheit vielleicht? – Doch wer ist frei hienieden?
Glück, was ist Glück? Wer hat es je entschieden?

Dem ist es Reichthum, jener nennt es Macht;
Dort grünt es Einem in des Lorbeers Pracht,
Der findet es in wüst durchschwelgter Nacht,
Und dieser, wenn er sie beim Buch durchwacht!
Glück ist, was jeder sich als Glück gedacht!

Und träte Einer nun zu mir heran,
Und spräche flehend: Zeige mir die Bahn
Zum Glück, zum Glück, nach dem wir Alle jagen,
Die Worte müßt‘ ich ihm zur Antwort sagen:

Erst liebe, was auch deine Neigung wähle,
Ein Weib, ein Kind, Kunst, Wissenschaft, Natur,
Doch lieb‘ es ganz aus voller trunkner Seele,
Und leb‘ und web‘ in diesem Einen nur!
Laß ganz aus dir des Ich’s Bewußtseyn schwinden,
Tauch‘ unter wie in’s Meer in dein Empfinden,
Beglückend nur fühl‘ selber dich beglückt,
Gib ganz dich auf, und lerne froh entzückt,
Je mehr du gabst, nur reicher stets dich finden.

Dann schaffe, was es sey, nach deinen Gaben,
Ein Lied, ein Bild; treib‘ Handel, führ‘ den Pflug:
Doch mußt du hoch das Ziel gesteckt dir haben,
Und was du leistest sei dir nie genug!
Laß nie die Kraft, den Willen dir erschlaffen,
Vom Bessern dich zum Besten aufzuraffen;
Nur wenn dein Geist nach Fortschritt ewig geizt,
Wenn ewig ihn Vollendung lockt und reizt,
Dann lebst du erst; es leben nur, die schaffen!

Und dann – dann stirb, denn besser nie erfahren
Der Liebe Glück, des Schaffens Drang und Lust,
Als sie verglimmen fühlen in der Brust
Und traurig überleben, was wir waren.

 

 

Das Gedicht „Glück“ von Friedrich Halm ist in sieben Strophen mit einer unregelmäßigen Anzahl an Versen gegliedert, insgesamt sind es 39. Auch beim Reimschema lassen sich Besonderheiten feststellen: Die ersten drei Strophen weisen Haufenreime auf (AAAA BBBB CCCCC). Die vierte Strophe schließt mit einem Paarreim an (AABB). Komplexer ist das Reimschema in den Strophen fünf und sechs: Zunächst bilden die ersten vier Verse einen Kreuzreim (ABAB). Die letzten fünf Verse der Strophe sind ähnlich aufgebaut wie ein Limerick (AABBA). Das Gedicht schließt in der letzten Strophe mit einem umarmenden Reim (ABBA) ab.

Der Parallelismus („Was jeder sucht (…), Wonach wir alle jagen (…), wofür selbst Greise glühen (…) ) in der ersten Strophe führt zum Thema Glück hin. Das lyrische Ich stellt sich die Frage, was Glück eigentlich ist. Ist es Befriedigung (V. 5), Ruhe (V. 6) oder doch Frieden (V. 7)? Wer kennt die Antwort auf die Frage (V. 4) und wer hat je entschieden, was Glück ist (V. 8).
Diese Fragen im letzten Vers der ersten und zweiten Strophe, bilden einen Rahmen um die anfänglichen Vermutungen, die allesamt vom lyrischen Ich widerlegt werden (V. 5-7).
In der dritten Strophe gibt es Beispiele dafür, was Glück für den Menschen bedeuten kann (V. 9-12). Lorbeeren stehen hier zum Beispiel als Symbol für Sieg und Ehre (V. 10). Es bleibt schließlich dabei: Glück ist, „was jeder sich als Glück gedacht“ (V. 13). Dieser Vers kann als Antwort auf die Fragen zu Beginn verstanden werden. Das Gedicht gibt somit keine allgemeingültige Antwort auf dem Weg zum Glück.
Das lyrische Ich gibt vielmehr eine persönliche Einschätzung ab: „Ein Weib, ein Kind, Kunst,Wissenschaft, Natur“ (V. 19) und dies aus vollstem Herzen lieben und alles andere ausblenden. „Je mehr du gabst, nur reicher stets dich finden“ (V. 26).
Der Weg zum Glück führe über die Arbeit. Eine Arbeit, die Fähigkeiten beansprucht, die dich nie zum Ruhen bringt und dich immer weiter bringen wird, weil du immer mehr willst (V. 27-35), denn „dann lebst du erst; es leben nur, die schaffen!“ (V. 35)
Der syntaktische Aufbau der fünften und sechsten Strophe ist nahezu identisch.

In der letzten Strophe bildet der Tod das Ende, wenn alles Glück in der Brust verglimmt, was wir im Leben gefunden haben und traurig darauf zurückblicken, wenn wir gehen. Also wäre es besser, wenn wir das alles nicht erfahren würden, um nicht traurig zu sein, wenn am Ende des Lebens alles ein Ende findet (V. 36-39). Der Aufbau dieser letzten Strophe unterscheidet sich sehr von den vorherigen beiden Strophen und bildet einen Kontrast, der sich auch in der pessimistischen Stimmung widerspiegelt.
Die in dem Gedicht diskutierte Vorstellung von Glück lehnt sich an den Glücksbegriff an, der beispielsweise auch von Halms Zeitgenossen Immanuel Kant vertreten wurde. Glück wird eher als moralische Aufgabe gesehen. Es wird zum Zweck, der durch das eigene Handeln („Dann schaffe es, was es sey..“ V. 27) sichtbar wird.

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Friedrich Halm, Lithographie von Joseph Kriehuber 1858 – Bild gemeinfrei, Wikipedia

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Elegius Franz Joseph Freiherr von Münch-Bellinghausen ist in der Literatur unter dem Pseudonym Friedrich Halm bekannt. Er wird am 2. April 1806 in Krakau geboren, wächst aber in Österreich auf und besucht das Stiftsgymnasium Melk und das Schottengymnasium Wien. Sein Studium an der Universität in Wien absolviert er in Philosophie und Rechtswissenschaften und fängt daraufhin im Staatsdienst am kaiserlich-königlichen Fiskalamt an, wo er es bis zum Regierungsrat schafft. Von 1869 bis 1871 leitet er die beiden Wiener Hoftheater als Generalintendant.
Sein erstes Werk „Griseldis“ veröffentlicht er 1835 unter dem Pseudonym Friedrich Halm. Er gilt zur Gründerzeit (in Wien auch Markartzeit genannt) als beliebter Bühnenautor und beschäftigt sich in seinen Werken oft mit Darstellungen der menschlichen Psyche.
Friedrich Halm stirbt am 22. Mai 1871 in Wien.