Das Frühlingsmahl

Wer hat die weißen Tücher
Gebreitet über das Land?
Die weißen duftenden Tücher
Mir ihrem grünen Rand?

Und hat darüber gezogen
Das hohe blaue Zelt?
Darunter den bunten Teppich
Gelagert über das Feld?

Er ist es selbst gewesen,
Der gut reiche Wirt
Des Himmels und der Erden,
Der nimmer ärmer wird.

Er hat gedeckt die Tische
In seinem weiten Saal,
Und ruft was lebt und webet,
Zum großen Frühlingsmahl.

Wie strömt’s aus allen Blüten
Herab von Strauch und Baum!
Und jede Blüt‘ ein Becher
Voll süßer Düfte Schaum.

Hört ihr des Wirtes Stimme?
„Heran, was kriecht und fliegt,
Was geht und steht auf Erden,
Was unter den Wogen sich wiegt!

Und du mein Himmelspilger,
Hier trinke trunken dich,
Und sinke selig nieder
Auf‘ Knie und denk an mich!“

Das Gedicht „Frühlingsmahl“ von Wilhelm Müller wurde 1826 veröffentlicht und beschreibt den Wechsel der Jahreszeiten mit dem Herrichten eines Festmahls. Es ist in sieben Strophen mit je vier Versen gegliedert und weist einen unreinen Reim auf.

Das Bild für das Frühlingserwachen ist das Decken eines Tisches in einem großen Saal, der von Gott selber hergerichtet wird.

Die erste Strophe fragt danach, wer die weißen Blumen, die wie „Weiße Tücher“ (Z. 1) auf den Feldern liegen, ausgebreitet hat. Sie verbreiten ihren Duft und lassen erste grüne Sprossen erscheinen wie „grüne Ränder“. (V. 3-4) Bekannte weiße Frühlingsblumen sind die Schneeglöckchen, die hiermit gemeint sein könnten.

Über den Feldern befindet sich der blaue Himmel, der sich wie ein „hohes blaues Zelt“ (V.5-6) darüber wölbt. Unter dem Himmel liegt ein „bunter Teppich“ (V. 8-9) aus Blumen aller Farben. Doch von wem kommen diese bunten Gaben unter dem blauen Himmel auf den weißen Feldern?

Der gut reiche Wirt des Himmels und der Erden“(V. 10-11) hat den Frühling mit seinen Blumen und Blüten hervorgebracht. Der Wirt ist eine Metapher für Gott, der hier als Schöpfer des Himmels und der Erde auftritt und die Tische gedeckt hat in seinem weiten Saal, der Erde. (V. 13-14). Er ruft alle Tiere auf, die leben und weben (V. 15) zu einem großen Frühlingsmahl. Alle Tiere strömen aus den Blüten, aus Sträuchern und Bäumen. (V. 17-18). In jeder Blüte steckt „ein Becher voll süßer Düfte Schaum“, an denen die Tiere sich erfreuen. Der Blütennektar wird wie ein Dessert dargestellt, das in einem Becher angerichtet ist.
Der Wirt spricht schließlich zu den Tieren, dass sie alle herbei kommen sollen, die auf Erden leben (V. 21-24).

Müller

Wilhelm Müller (Gemeinfrei über Wikimedia Commons)

Johann Ludwig Wilhelm Müller wurde am 7. Oktober 1794 in Dessau geboren. Sein Vater Christian Leopold Müller war Schneider und war mit Marie Leopoldine, geborene Cellarius, verheiratet. Zusammen hatten sie sechs Kinder, jedoch starben die Geschwister von Wilhelm sowie seine Mutter sehr früh. Nach längerer Krankheit und finanzieller Not heiratete sein Vater 1809 die wohlhabende Witwe Marie Seelmann.
Wilhelm Müller begann 1812 in Berlin ein Studium der Philologie, nahm jedoch als Freiwilliger an den Befreiungskämpfen gegen Napoleon teil, ab 1814 als Leutnant.

In der Berliner Literaturszene lernte er u.a Clemens Brentano und Ludwig Berger kennen, der einige von Müllers Texten für Liederspiele vertonte, die auch Teil von Bergers Liederzyklus Gesänge aus einem gesellschaftlichen Liederspiel „Die schöne Müllerin“ wurden. 1817/1818 unternahm Müller eine Bildungsreise nach Italien.
1819 folgte seine Ernennung zum Gymnasiallehrer in Dessau und später zumHerzoglichen Bibliothekar. Zwei Jahre später heiratete er Adelheid Basedow, mit der er zwei Kinder hatte.

1824 brachte es Müller zum Hofrat, doch zwei Jahre später erkrankte er an Keuchhusten. Trotz einiger Kuraufenthalte ging es ihm zunehmend schlechter, bis er am 1. Oktober 1827 mit 32 Jahren an einem Herzinfarkt starb.

Besonders bekannt waren seine gesellschaftskritischen Volkslieder. Seine Gedichtzyklen „Die schöne Müllerin“ und „Winterreise“ wurden von Franz Schubert vertont. Auch seine Arbeit für die im Brockhaus Verlag erschienene „Bibliothek deutscher Dichter des siebzehnten Jahrhunderts“ war bekannt und wurde von dem Dresdner Dichter und Übersetzer Karl August Förster weitergeführt. Müller arbeitete außerdem für das Literarische Konversationsblatt und die Zeitschrift Hermes.