Das Weihnachtsbäumlein

Es war einmal ein Tännelein
mit braunen Kuchenherzlein
und Glitzergold und Äpflein fein
und vielen bunten Kerzlein:
Das war am Weihnachtsfest so grün
als fing es eben an zu blühn.

Doch nach nicht gar zu langer Zeit,
da stands im Garten unten,
und seine ganze Herrlichkeit
war, ach, dahingeschwunden.
Die grünen Nadeln war’n verdorrt,
die Herzlein und die Kerzlein fort.

Bis eines Tags der Gärtner kam,
den fror zu Haus im Dunkeln,
und es in seinen Ofen nahm –
Hei! Tat`s da sprühn und funkeln!
Und flammte jubelnd himmelwärts
in hundert Flämmlein an Gottes Herz.

Christian Morgenstern
(1871-1914)

Das Gedicht „Das Weihnachtsbäumlein“ von Christian Morgenstern gliedert sich in drei Strophen mit je sechs Versen mit Kreuzreim am Ende des Verses und erzählt die Wandlung von einer Tanne zum Weihnachtsbaum bis zum Holzfeuer.

In der ersten Strophe wird beschrieben, wie weihnachtlich geschmückt die Tanne ist: Mit „Kuchenherzlein“ (V.2), „Glitzergold und Äpflein fein und vielen bunten Kerzlein“ (V. 3-4). Durch den Diminutiv bekommt das Gedicht in der ersten Strophe einen liebevollen Klang. Die Tanne erstrahlt an Weihnachten in vollem Glanz und sieht aus wie frisch erblüht (V. 6).

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Christian Morgenstern mit 18 Jahren

Doch schon in der zweiten Strophe wird deutlich, dass der Baum nach den Weihnachtstagen seinen Glanz verloren hat und draußen im Garten steht, denn „seine ganze Herrlichkeit war, ach, dahingeschwunden.“ (V. 9-10). Der Ausruf „ach“ verleiht Nachdrücklichkeit, aber auch bedauern über den Zustand der Tanne, die ihre Herrlichkeit verloren hat. Seine schönen grünen Nadeln sind „verdorrt“ (V. 11) und der Weihnachtsschmuck aus Herzen, Äpfeln und Kerzen ist verschwunden.

Die dritte Strophe zeigt schließlich auf, dass die Tanne doch noch eine letzte Bestimmung findet, denn der Gärtner von nebenan nimmt sie mit, weil es ihn „fror zu Haus im Dunkeln“ (V. 14). Und „Hei! Tat´s da sprühn und funkeln!“, als das Holz der Tanne den Ofen erwärmte.

Thema und Aussage des Gedichts liegen ganz in der Tradition der Humoresken aus der Feder Morgensterns. Ein christlicher Brauch wird einem praktischen Nutzen zugeführt.

Christian Otto Josef Wolfgang Morgenstern wurde am 6. Mai 1871 in München als Sohn der Landschaftsmaler Carl Ernst und Charlotte Morgenstern geboren. Seinen Namen erhielt er von seinem Großvater, der auch ein berühmter Maler war. Morgenstern wuchs nach dem Tod seiner Mutter 1881 bei seinem Paten in Hamburg auf, jedoch kehrte er nach München zurück und besuchte ein Internat in Landshut. Später besuchte er das Maria-Magdalena-Gymnasium in Breslau sowie ab Herbst 1889 die Militär-Vorbildungsschule, da sein Vater eine Offizierslaufbahn für ihn vorgesehen hatte. Jedoch besuchte Morgenstern stattdessen nach einem halben Jahr ein Gymnasium in Sorau. Es folgte das Studium der Nationalökonomie in Breslau.

Neben Anstellungen in der Nationalgalerie (1894), beim S. Fischer Verlag als Übersetzer (1897) und im Verlag von Bruno Cassirer als literarischer Lektor (1903) erschien sein erstes Buch, der Gedichtzyklus „In Phanta´s Schloss“, im Jahre 1895. Morgensterns berühmter Gedichtband „Galgenlieder“ erschien 1905. Morgensterns

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Berliner Gedenktafel in Berlin-Charlottenburg

Leben war geprägt von seiner Tuberkulose, die er mit zahlreichen Kuraufenthalten zu lindern versuchte. Eine Reise führte ihn nach Norwegen (1898-1899). Er erlernte die norwegische Sprache und übersetzte für S. Fischer die Werke Ibsens, Hamsuns und von Bjørnstjerne Bjørnson. Nach seinem Tod am 31. März 1914 veröffentlichte seine Frau Margareta weitere Werke Morgensterns, die bis heute im Deutschen Literaturarchiv Marbach und im Literaturmuseum der Moderne zu finden sind.

Christian Morgenstern pflegte über die Jahre Freundschaften und Kontakte zu Friedrich Kayssler, Fritz Beblo, Rudolf Steiners, Reinhard Piper und Michael Bauer.

Fotos: Gemeinfrei über Wikimedia Commons