Ich und Du

Wir sind trunken
Ich und Du
Durch deine Augen
stürze ich mich
in dich –
verlier ich mich.
Dein Begehren
zu sehen,
in deinem Blick
unterzugehen,
Raum und Zeit
in der Unendlichkeit
zu spüren,
mich unentdeckten
Welten
hinzugeben,
bis zehntausend Tränen
unsere Liebe zerstören.

Monika Minder

In dem Gedicht Ich und Du (2015) von Monika Minder sind das lyrische Ich und das lyrische Du zusammen „trunken“ (V.1), vielleicht von einem Wein oder voneinander. Das lyrische Ich stürzt sich durch die Augen des lyrischen Du in es hinein, wo es sich verliert (vgl. V.6). Die Augen, die gemeinhin als Fenster der Seele bekannt sind, stehen hier symbolisch für den Zugang zur Seele des lyrischen Du, zu dessen Wesen, beziehungsweise zu dessen Innenwelt.

Aus dem Blick des lyrischen Du drängt „Begehren“ (V.7). Beim Begehren handelt es sich dabei nicht, wie bei der Begierde, um eine triebhafte körperlich-sexuelle Leidenschaft, sondern vielmehr um ein starkes seelisches Verlangen nach Emotionen oder Phantasie.

Johannes_Vermeer_(1632-1675)_-_The_Girl_With_The_Pearl_Earring_(1665)

Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge, etwa 1665 (Von Johannes Vermeer – Gemeinfrei)

Zunächst wirkt die Hinwendung des lyrischen Ichs zum lyrischen Du noch verliebt und positiv, bis sie sich zu wandeln beginnt. Denn das lyrische Ich geht im Blick des lyrischen Du „unter[]“ (V.10). Sich in dem lyrischen Du zu verlieren, birgt für das lyrische Ich also auch einen Untergang. In der folgenden Unterwelt spürt das lyrische Ich ein Gefühl von „Unendlichkeit“ (V.12) und es gibt sich unentdeckten Welten hin. Doch das Ende der Vereinigung ist bereits absehbar, das lyrische Ich sieht es voraus, wo es sagt: „bis zehntausend Tränen unsere Liebe zerstören.“ (V.17f ). Warum diese Liebe zum Scheitern verurteilt ist, wird nicht verraten. Das voraussichtliche Ende in Verbindung mit dem Geheimnis um dessen Grund beschert dem Gedicht einen abschließenden Hauch von Tragik.

Monika Minder wurde 1961 geboren. Sie ist Webdesignerin und schreibt seit etwa 16 Jahren Gedichte, Kindergeschichten, Zeitungsartikel und Texte für Internetseiten.

Weitere Gedichte von Monika Minder gibt es auf der Internetseite minder-gedichte.ch und unter Deutsche Liebeslyrik der Gegenwart.