Orpheus

Dein göttlicher Gesang,
Er konnte wilde Tiere zähmen,
Die Bäume neigten sich ihm zu,
Und selbst die Flüsse
Und unbelebte Steine folgten ihm.

Mit ihm erweichtest du das Herz
Persephones im Schattenreich.
So ließ sie dich, nur fordernd,
Du blicktest dich nicht um,
Eurydike aus Hades trüber Nacht
Zum hellen Taglicht führen.

Doch du, ein schwacher Mensch,
Du wandtest dich zurück,
Und du verlorst,
Was dein Gesang gewann.

Hoch über allem Irdischen
Steht das Gebot der Götter.

Dr. Henning Viebahn

Das Gedicht „Orpheus“ von Dr. Henning Viebahn ist in vier Strophen unterschiedlicher Länge und ohne metrische Bindung gefasst. In der ersten Strophe wird zunächst das lyrische Du „Orpheus“ vorgestellt, der als Sohn einer Muse mit einem „göttliche[n] Gesang“ (V.1) gesegnet ist, der so mitreißend klingt, dass er selbst unbelebte Dinge bewegt.
Die zweite Strophe gibt Aufschluss über den Mythos von Orpheus und seiner Frau Eurydike. Eurydike ward nämlich von einem Schlangenbiss getötet. Weil er sie nicht aufgeben kann, steigt Orpheus in die Unterwelt hinab. Er singt vor Persephone und Hades, dem Herrscherpaar des „Schattenreich[es]“ (V.7). Persephone gibt Eurydike frei und

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Hermes, Eurydike und Orpheus (Relief in der Villa Albani, Rom). Quelle: pixabay.com

erlaubt Orpheus, sie wieder ans „Taglicht [zu] führen“ (V.11). Eine Bedingung muss er jedoch erfüllen, er darf sich während des Weges nicht nach Eurydike umsehen.
Die dritte Strophe verrät schließlich Orpheus´ Schicksal, denn aus Angst, sie zu verlieren, dreht er sich zu seiner Frau um – und sieht sie wieder in die Unterwelt hinabsinken („Du wandtest dich zurück, Und du verlorst, Was dein Gesang gewann“, V.13ff).
Die letzte und kürzeste Strophe verdeutlicht dieses Schicksal, dabei handelt es sich um eine Moral. Wenn „über allem Irdischen [..] das Gebot der Götter steht“ (V.16f), dann soll es wohl so sein, das Orpheus auf Erden wandelt, während seine Frau in der Unterwelt verweilt. Er ist als Mensch also nicht in der Lage, dieses Schicksal zu ändern, wenn es zunächst auch den Anschein macht, als könne er es. Denn sein Gesang ist „göttlich“ und gewährt ihm, den Tod von Eurydike abzuwenden. Seine Angst jedoch, seine gerade wiedergewonnene Liebe erneut zu verlieren, macht ihm diesen Erfolg zunichte. So wird Orpheus selbst wieder auf seine „irdische“ Menschlichkeit zurück geworfen und sich dem „Gebot der Götter“ fügen.
Auffällig ist, dass das lyrische Ich in der zweiten Person mit Orpheus spricht: „Doch du, ein schwacher Mensch, Du wandtest dich zurück“ (V.12f), außerdem spricht es von der Vergangenheit, sodass Orpheus für das lyrische Ich keine Gegenwart darstellt. Die Vergangenheitsform mag hier durchaus logisch erscheinen, handelt es sich bei den Mythen schließlich um Geschichten aus längst vergangenen Zeiten. Durch die Ansprache in der zweiten Person entsteht jedoch eine direkte Gegenüberstellung des lyrischen Ichs aus unserer heutigen Zeit und Orpheus aus der Vergangenheit.

„Orpheus“ ist neben einer Vielzahl weiterer Gedichte, die sich mit den griechischen Mythen befassen, im Internet zu finden. Insgesamt sind es 660 Gedichte, die der Arzt und Lyriker Dr. Henning Viebahn seit dem Jahr 2012 dort veröffentlicht.
Zu wahrscheinlich allen Figuren und Geschichten der griechischen Mythologie sind hier kurze Gedichte vorgestellt. Dabei handelt es sich um tief verwurzelte Urbilder, die seit ihrer Entstehung prägend sind für die griechische Kultur und in der europäischen Literatur aller Epochen vielfältig verarbeitet wurden. Vor allem auch der Orpheus-Mythos war oft das Thema für musikalische Werke. Literarisch nahmen neben vielen anderen auf Orpheus Bezug: Goethe in seinem Gedichtzyklus „Urworte. Orphisch“ (1820) und Rilke in seinen Band „Die Sonette an Orpheus“ (1923).

Sämtliche Gedichte sind absichtlich „kurzgefasst“, denn jedes einzelne konzentriert sich auf den wesentlichen Sinn eines antiken griechischen Vasenbildes oder einer Zeichnung, welche jeweils über den Gedichten abgebildet ist. Auch eine Moral findet sich am Schluss jedes einzelnen Gedichts. So ergeben die griechischen Mythen in 660 Gedichten ein beeindruckendes Werk, mit genügend Lesestoff für unzählige Stunden.

Dr. med. Henning Viebahn wurde am 23. August 1943 in Würzburg geboren.Er ist Facharzt für Nervenheilkunde, Psychotherapeutische Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie. Die griechische Kunstgeschichte und die griechische Mythologie haben ihn schon immer interessiert. Besonders die schönen Flaxman-Zeichnungen (S. 521-635) waren ihm von Kindheit an vertraut. Lyrische Elemente wie Versmass und Rhythmus erlernte Viebahn zunächst durch das Schreiben vieler Gelegenheitsgedichte, bis in den letzten Jahren die umfangreiche Sammlung der griechisch-mythologischen Gedichte entstand.