Sphinx

Sie sitzt an meinem Bette in der Abendzeit
Und meine Seele tut nach ihrem Willen,
Und in dem Dämmerscheine, traumesstillen,
Engen wie Fäden dünn sich ihre Glanzpupillen
Um ihrer Sinne schläfrige Geschmeidigkeit.

Und auf dem Nebenbette an den Leinennähten
Knistern die Spitzenranken von Narzissen,
Und ihre Hände dehnen breit sich nach dem Kissen,
Auf dem noch Träume blühn aus seinen Küssen,
Herzsüßer Duft auf weißen Beeten.

Und lächelnd taucht die Mondfrau in die Wolkenwellen
Und meine bleichen, leidenden Psychen
Erstarken neu im Kampf mit Widersprüchen.

Else Lasker-Schüler

 

Das Gedicht Sphinx von Else Lasker-Schüler erschien 1905 in dem Gedichtband „Der siebente Tag“. Die Sphinx ist ein rätselhaftes Wesen mit dem Kopf einer Frau und dem Körper einer Löwin. Sie stammt ursprünglich aus der ägyptischen Mythologie, jedoch ist ihre Bedeutung weitestgehend unbekannt. Wahrscheinlich trat sie als Wächterin für Tempel und Grabstätten in Erscheinung. Die griechische Mythologie übernahm die Sphinx und schrieb ihr eine eigene Bedeutung zu. Sie erhielt von den Musen ein Rätsel, das sie den Menschen stellte. Jeder, der es nicht lösen konnte, wurde von ihr verschlungen.

In dem vorliegenden Gedicht sitzt „sie“ (V.1), die womöglich die Sphinx ist, am Bett des lyrischen Ichs. Es ist Abend, es dämmert und es ist still. Die Pupillen der Sphinx „Engen wie Fäden dünn sich“ (V.4). Dieses Phänomen tritt normalerweise bei kleinen Katzen auf, wenn helles Licht auf ihre Augen trifft, nicht jedoch bei Großkatzen wie Löwen. Im Dämmerlicht sind die Pupillen der Katze, wie die des Menschen, geweitet, ebenso wenn sie jagen. Das sie sich hier zu Fäden verdünnen, mag der „schläfrige[n] Geschmeidigkeit“ (V.5), geschuldet sein und kann darauf hinweisen, dass sie eine Jagd nicht beabsichtigt.

Auf dem Nebenbett, an den Leinennähten der Bettwäsche, befinden sich „Spitzenranken von Narzissen“ (V.7). Sie mögen auf ein eitles Haupt hinweisen, das sich darauf bettet. Denn die Narzissen haben einer Sage nach ihren Namen von dem selbstverliebten Schönling Narziss. Die Hände, die sich „breit […] nach den Kissen“ (V.8) dehnen, können wir uns als Tatzen denken, wie wenn Katzen ihre strecken und dabei die Krallen ausfahren. In der dritten und letzten Strophe taucht die „Mondfrau“ (V.11) lächelnd „in die Wolkenwellen“, sie schläft also ein. Derweil bleibt das lyrische Ich mit „leidenden Psychen“ und „im Kampf mit Widersprüchen“ zurück (V.12f) und legt die Vermutung nahe, dass es das Rätsel der Sphinx nicht lösen konnte.

Sigmund Freud, Traumdeutung (Titelblatt, Bild gemeinfrei, Quelle: Wikipedia)

Sigmund Freud, Traumdeutung (Titelblatt, Bild gemeinfrei, Quelle: Wikipedia)

Wie die Sphinx ist auch Lasker-Schülers Gedicht  rätselhaft. Denn die reichhaltigen Phantasiebilder erschweren eine eindeutige Interpretation. Als ein weiterführender Analyseansatz kann zum Beispiel die psychoanalytische Literaturinterpretation angewendet werden. Denn die Theorien der Psychoanalyse sowie ihr Grundlagenwerks, die Traumdeutung, des Neurologen Sigmund Freud waren rege diskutierte Themenfelder in der damaligen Zeit. Diverse Literaturinterpretationen beschäftigen sich mit dem Einfluss der Psychoanalyse auf die Werke der Moderne, unter anderem auch mit den Erzeugnissen Lasker-Schülers. Dabei gehen die Interpretationen zum Beispiel den Fragen nach, inwieweit die Schriftsteller und Dichter ihre gewonnen Kenntnisse über die Psychoanalyse in ihren Werken verarbeitet haben. Oder sie versuchen die Psyche des Autors mittels der psychoanalytischen Ansätze zu analysieren. Freud ging nämlich davon aus, dass sich das Unbewusste des Dichters in dem Unbewussten der literarischen Figuren wiederfindet und dass es Parallelen zwischen der Dichtung und den Träumen der Dichter gibt. Genauer gesagt soll ein literarisches Werk den erinnerten Trauminhalten und Wünschen entsprechen, die zum Beispiel durch Symbolisierungen so verschlüsselt werden, dass die ursprünglichen Wunschphantasien nicht auf Anhieb zu erkennen sind. Eine typische Entstellung ist zum Beispiel die Aufspaltung einer Figur in mehrere, beziehungsweise einer Persönlichkeit in ihre unterschiedlichen Persönlichkeitsaspekte.
Unter Bezugnahme der Sphinx fällt auf, dass die Figurenkonstellation nicht ganz eindeutig ist. Es gibt „sie“ (V.1), die wahrscheinlich die Sphinx ist und hier metaphorisch für eine Frau mit einem rätselhaften Charakter stehen kann. Es gibt ein Ich, dessen Seele nach dem Willen der Sphinx „tut“ (V.2). Es gibt ein „er“, aus dessen Küssen noch die Träume blühen (vgl. V.9) und es gibt die „Mondfrau“. Dazu wird nicht deutlich, um wen es sich bei dem lyrischen Ich handelt. Ist es ein Mann? Ist es eine Frau? Auch wie das lyrische Ich und „sie“ zueinander stehen ist rätselhaft. Sind sie Freundinnen? Oder gar Ehemann und Ehefrau? Ist „er“ „ihr“ geliebter? Ist „sie“  auch die Mondfrau und ist damit auch die Sphinx gemeint? Allein die Verwendung des Begriffes „Mondfrau“ lässt zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten zu, denn der Mond ist ein Symbolträger für viele Zusammenhänge, für die Nacht, für ständige Erneuerung, für Niedergang und Geburt, für Fruchtbarkeit und Trost. Eine mögliche Interpretation aus der psychoanalytischen Perspektive kann also sein, dass es sich bei der Sphinx und bei bei der Figur, die als „sie“ benannt wird sowie der „Mondfrau“ um die verschiedenen Persönlichkeitsaspekte ein und derselben weiblichen Figur handelt. Schlüssig wird diese Annahme vor allem dann, wenn man in Betracht zieht, dass das lyrischen Ich ein Mann ist. Allerdings kann das lyrische Ich durchaus auch ein übergeordneter Persönlichkeitsaspekt der Sphinx-Mondfrau-Frau sein.

Else Lasker-Schüler 1875 (Bild: gemeinfrei, Quelle: Wikipedia)

Else Lasker-Schüler 1875 (Bild: gemeinfrei, Quelle: Wikipedia)

Elisabeth (Else) Lasker-Schüler (1869 -1945) war nicht nur in der Literatur der Boheme unterwegs, sie war auch eine bedeutende Vertreterin des literarischen Expressionismus. Dabei handelt es sich um eine Strömung, die aus der Boheme erwuchs und zwischen den Jahren 1910 und 1920 aufblühte. Während sich die Boheme in einer romantischen, apolitischen und ganz unprogrammatischen Mentalität verlor, nahmen die Expressionisten durchaus Stellung. So forderte zum Beispiel die Arbeitsgemeinschaft Dresden ihre Sympathisanten dazu auf, ihre Proteste mittels Kunst zu kommunizieren.

Lasker-Schüler heiratete 1903 den Herausgeber und Schriftsteller Herwarth Walden. In ihren neun Ehejahren gründete Walden eine Zeitschrift, an der diverse Expressionisten mitwirkten. Den Titel Der Sturm verdankte Walden seiner Frau. Namen, die heute allgemein bekannt sind, bildeten damals die künstlerische Avantgarde, die Walden und Lasker-Schüler um sich herum gruppierten: René Schickele, August Stramm, Karl Kraus. Mit Georg Trakl und Gottfried Benn war Lasker-Schüler zudem befreundet. Später, nachdem Walden seine zweite Frau geheiratet hatte, traten auch Namen von Bildkünstlern hinzu, unter anderem Franz Marc, Alfred Döblin und Marc Chagall. Neben dem Ruhm als avantgardistisches Sammelbecken, erntete Waldens Zeitschrift auch die Kritik, ein geschäftsorientiertes Literaturunternehmen zu sein. Else Lasker-Schüler ging derweil mit der Zeit. Zu dem 1914 erschienenen Kino-Buch trug sie die Morgenländische Komödie Plumm Pascha bei, denn wie viele andere Expressionisten war auch sie fasziniert von den Möglichkeiten des neuen Kinos. Außerdem ging sie mit Franz Marc ein poetisch-künstlerisches Abenteuer ein, sie schrieben und malten sich Postkarten.
1910 gab Lasker-Schüler die Poetik einer Handschrift heraus. Damit entwickelte sie eine Vergegenständlichung von Sprache, eine Art Konzept einer Ursprache in Form von Zeichnungen von Hieroglyphen und Tätowierungen, das Parallelen zu ähnlichen Konzepten aus dem russischen Futurismus aufweist.

Die Lyrik Lasker-Schülers ist insgesamt geprägt von mythischen Anspielungen, verträumten Bildlichkeiten und unmittelbaren Gefühlsdarstellungen. Auf formale Regularien wie Reime oder Versmaß verzichtete die Dichterin weitestgehend zugunsten des semantischen Gehalts.