Städter

Dicht wie Löcher eines Siebes stehn
Fenster beieinander, drängend fassen
Häuser sich so dicht an, daß die Straßen
Grau geschwollen wie Gewürgte stehn.

Ineinander dicht hineingehakt
Sitzen in den Trams die zwei Fassaden
Leute, wo die Blicke eng ausladen
Und Begierde ineinander ragt.

Unsre Wände sind so dünn wie Haut,
Daß ein jeder teilnimmt, wenn ich weine.
Flüstern dringt hinüber wie Gegröhle:

Und wie stumm in abgeschlossner Höhle
Unberührt und ungeschaut
Steht doch jeder fern und fühlt: alleine.

Alfred Wolfenstein

Das im Jahr 1914 von Alfred Wolfenstein veröffentlichte Sonett „Städter“ weist, im umarmenden Reim verfasst, einen gleichmäßigen Rhythmus eines 5-hebigen Trochäus auf, der allein in der vorletzten Strophe durchbrochen wird.

Großstadtdarstellung des expressionistischen Künstlers Ernst Ludwig Kirchner: Straßenbahn und Eisenbahn, 1914. © Wikipedia / gemeinfrei

Großstadtdarstellung des expressionistischen Künstlers Ernst Ludwig Kirchner: Straßenbahn und Eisenbahn, 1914.
© Wikipedia / gemeinfrei

Die erste Strophe gleicht der Situations- und Architekturbeschreibung einer Stadt, in der die Fenster der Häuser „[d]icht wie Löcher eines Siebes stehn“ (V. 1). Der einleitende Vers enthält ein Paradoxon, das den Tenor des Gedichtes vorgibt und ein Gefühl des Unbehagens vermittelt. Die Assoziation einer löchrigen Leere wird durch den Vergleich des Siebes konterkariert. Die somit erzeugte Enge wird mithilfe einer Personifikation innerhalb der beiden folgenden Verse untermauert. Denn „drängend fassen Häuser sich so dicht an“ (V. 2 f.), dass sie im Vergleich „wie Gewürgte stehn“ (V. 4). Das Enjambement des zweiten Verses, das sich auch im weiteren Verlauf des Gedichts wiederholt findet, vermittelt zudem das Bild der Distanzlosigkeit. Der letzte Vers der ersten Strophe pointiert schließlich die beschriebene Bedrängung in einer Alliteration sowie einer Metapher körperlichen Schmerzes, der nahezu spürbar erscheint.

Auch die zweite Strophe beginnt mit einer Schilderung physischer Bedrängnis, die, ähnlich des zweiten Verses, eine belästigende Konnotation erhält und durch die „Begierde“ (V. 8) der Blicke verstärkt wird. In dem Oxymoron der „eng ausladen[den]“ Blicke (V. 7) verbirgt sich die Anklage eines Voyeurismus, der die Ambivalenz zwischen Nähe, Distanz und Anonymität verschärft. Dennoch zeigen sich die Leute innerhalb der Tram teilnahmslos. Wie „zwei Fassaden“ (V. 6) sitzen sie voreinander und haben sich somit längst nicht nur dem städtischen Abbild angepasst, sondern sich auch dem Prozess der Entsubjektivierung gefügt.

In der dritten Strophe wendet sich Wolfenstein direkt an den Leser, indem er ihn durch das Personalpronomen einbezieht. Denn „[u]nsre Wände sind so dünn wie Haut“ (V. 9), wobei diese Aussage nicht nur impliziert, „[d]aß ein jeder teilnimmt“ (V. 10) am Leben des anderen, sondern auch, dass die eigenen vier Wände fortan keinen Schutz mehr zu bieten vermögen. Die dadurch entstehenden psychischen Wunden offenbart der Dichter in seiner persönlichen Mitteilung: „wenn ich weine“ (V. 10). Doch statt Mitgefühl scheint dem Leidenden nur Spott entgegengebracht zu werden, der sich durch das vergleichende Oxymoron des geflüsterten „Gegröhle[s]“ (V. 11) äußert.

Wolfenstein zieht sein Fazit dieser Form des städtischen Zusammenlebens in der letzten Strophe: Zwar mitten innerhalb dieses Gefüges lebend, doch zugleich abgeschottet und gefangen in „abgeschlossner Höhle“ (V. 12) lebt ein jeder „[u]nberührt und ungeschaut“ (V. 13). Und so ist und fühlt sich jeder, trotz der zuvor beschriebenen Bedrängnis, letztlich „alleine“ (V. 14).

Im Jahre 1883 geboren und in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, studiert Alfred Wolfenstein nach einer Holzhandellehre Rechtswissenschaften. Schon früh entdeckt er seine Affinität zur Lyrik. Von Beginn an einer politischen und zeitkritischen Thematik verschrieben, bewegt er sich im Kreis der expressionistischen Avantgarde. Als bekennender Pazifist flüchtet er mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 über Tschechien nach Frankreich. Unter dem Decknamen Albert Worlin stirbt er am 22. Januar 1945 durch Suizid in einem Pariser Krankenhaus.

Als einer der wichtigsten Vertreter expressionistischer Lyrik übt Wolfenstein mit seinem Gedicht Kritik an einer entindividualisierten und anonymisierten Gesellschaft, die sich als Folge der Industrialisierung und Urbanisierung zunehmend in den Großstädten des beginnenden 20. Jahrhunderts etabliert. Geprägt durch ein antibürgerliches und antinationalistisches Denken der Expressionisten, gelingt Wolfenstein mit der Veröffentlichung des Werkes Städter in dem Gedichtband Die Gottlosen Jahre 1914 sein Durchbruch innerhalb der sozialkritischen Literaturlandschaft.