Traumgewalten

Der Traum war so wild, der Traum war so schaurig
So tief erschütternd, unendlich traurig.
Ich möchte gerne mir sagen:
Daß ich ja fest geschlafen hab,
Daß ich ja nicht geträumt hab,
Doch rinnen mir noch die Tränen herab,
Ich höre mein Herz noch schlagen.

Ich bin erwacht in banger Ermattung,
Ich finde mein Tuch durchnäßt am Kissen,
Wie mans heimbringt von einer Bestattung;
Hab ichs im Traume hervorgerissen
Und mir getrocknet das Gesicht?
Ich weiß es nicht.
Doch waren sie da, die schlimmen Gäste,
Sie waren da zum nächtlichen Feste.

Ich schlief, mein Haus war preisgegeben,
Sie führten darin ein wüstes Leben.
Nun sind sie fort, die wilden Naturen;
In diesen Tränen find ich die Spuren,
Wie sie mir alles zusammengerüttet
Und über den Tisch den Wein geschüttet.

Nikolaus Lenau, 1838

 

Das Gedicht „Traumgewalten“ stammt aus dem Jahre 1838 und wurde von Nikolaus Lenau verfasst. Es gliedert sich in drei Strophen, die eine unterschiedliche Anzahl an Versen aufweisen.

Die erste Strophe umfasst sieben Verse und beschreibt die Gefühle des Lyrischen Ichs nach dem Aufwachen: Tief erschüttert und unendlich traurig (V.2) von dem wilden und schaurigen Traum (V.1) wünscht es sich, dass es wirklich tief geschlafen hat (V.4) und keinen bösen Traum hatte (V.5), verstärkt durch die Anapher „Der Traum war so(..)“ im ersten Vers und „Daß ich ja(..)“ in Vers 3 und 4. Doch die Tränen laufen ihm noch im Gesichter herunter und sein Herz schlägt kräftig. (V.6-7).

In der zweiten Strophe sind die Gefühle das Thema: Das lyrische Ich ist aufgewacht voller Kraftlosigkeit (V.8) und fand ein durchnässtes Taschentuch neben dem Kissen (V.9) „Wie mans heimbringt von einer Bestattung“. (V. 10). Damit wird der Bezug zu einem traurigen Ereignis, einer Bestattung, hergestellt und zeigt, wie tief getroffen das lyrische Ich von dem Albtraum ist. Dies verstärkt auch die doppelte Frage in Vers 11 bis 13. Die Linien zwischen Traum und Wirklichkeit scheinen für das Lyrische Ich verwischt. Die Erinnerungen an die „schlimmen Gäste“, die zum „nächtlichen Feste“ kamen, sind noch klar. (V. 14-15) Während er schlief, verwüsteten sie sein Haus (V.16-17), rütteten alles zusammen (V.20) und vergossen Wein über dem Tisch (V.21). Doch nun sind sie verschwunden, „die wilden Naturen“ (V.18) und nur die Tränen im Gesicht haben die Spuren ihrer Anwesenheit hinterlassen und erinnern an die erschreckenden Ereignisse. (V. 19).

Das Reimschema des Gedichts variiert zwischen einem Kreuzreim (V. 8-11), einem Paareim (V. 12-15) oder einem unreinen Reim (V.1-7).

Lenaus Gedichte sind bekannt für die bedrückende Stimmung, die erzeugt wird. In „Traumgewalten“ beschreibt der Dichter die Erinnerung an einen Traum und die Geschehnisse nach dem Aufwachen. Die Grenzen zwischen Realität und Traumerlebens sind dabei fließend.

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„Nikolaus Lenau (Friedrich Amerling)“ von Friedrich von Amerling – Gemeinfrei über Wikimedia Commons

Nikolaus Franz Niembsch Edler von Strehlenau, kurz Nikolaus Lenau, wurde am 13. August 1802 in Ungarn geboren. Seine Mutter hat ihn und seine Geschwister nach dem Tod des Vaters 1807 alleine groß gezogen und heiratete 1811 erneut. Lenau besuchte das Piaristengymnasium in Pest, ermöglicht durch das Erbe der Mutter, und begann 1822 ein Studium der Philosophie, Landwirtschaft und Medizin an der Universität Wien, wechselte jedoch nach Pressburg. Der Verlust seiner Mutter im Jahre 1829 machte ihm schwer zu schaffen. Diese Melancholie führte ihn zu einer kreativen Schaffensphase und einem umfangreichen Werk zwischen 1832 und 1844. Durch eine Erbschaft 1833 konnte er sich ganz der Poesie widmen. 1831 kam er nach Heidelberg um seine Doktorprüfung abzulegen und machte Bekanntschaft mit Gustav Schwab, der ihm half, einige seiner Gedichte zu veröffentlichen. Außerdem war Lenau Mitbegründer der Burschenschaft Frankonia. Nachdem er einen großen Teil seines Erbes an der Börse verloren hat, brach er 1832 zu einer großen Amerikareise auf, um Land zu kaufen. Zu seinen Stationen gehörten Pennsylvania und Pittsburgh. In Ohio kaufte er sogar Land, das er mit bewirtschaftete. Enttäuscht vom vorherrschenden Materialismus in Amerika kehrte er 1833 nach Europa zurück. Mittlerweile war er zu einem gefragten Schriftsteller geworden. Er lebte fortan in Stuttgart und Wien. Nach einem Schlaganfall kam er 1844 in die Nervenheilanstalt Winnenthal in Stuttgart, von dem er sich bis zu seinem Tod am 22.08.1850 nicht mehr erholte.

Lenau zählt zu den größten lyrischen Dichtern Österreichs. Besonders seine Naturlyrik und sein einzigartiger melancholischer Ton haben die deutsche Literatur bereichert. Einige seiner Werke wurden auch vertont. Lenau ist auch heute noch von großer Bedeutung und wird durch die Nennung vieler Straßen und Schulen nach seinem Namen geehrt. Zu seinen bekannten Werken zählen seine Fassung von Faust (1836) und die Fragmente von seiner Niederschrift des Don Juan (1844), die ein Jahr nach seinem Tod veröffentlicht wurden.