„Hädded ihr ned awos in moi Mudderschproch?“

30 Jahre Deutsche Einheit und noch immer tauchen verschollen geglaubte Kapitel der Wende-Geschichte auf. Eines davon handelt vom Deutschen Nationaltheater in Temirtau – Sie wissen schon, nördlich von Karaganda, in Kasachstan! Eleonora Hummels Roman „Die Wandelbaren“ (2019) erzählt die wahre Geschichte, wie eine Handvoll sowjetdeutscher Nachwuchsschauspieler ihre jahrzehntelang unterdrückte Muttersprache zurückerobern und sich an den Anfang eines nationalen Erwachens stellen. Ob sie den Ansprüchen der Kommunistischen Partei und des Publikums gerecht werden?

Ein Gastbeitrag von Tatjana Schmalz

RuDiDat. Das klingt nach einem heiteren Gesellschaftsspiel für alle zwischen 9 und 99 Jahren. Tatsächlich ist es das Akronym für die „Russlanddeutsche Dialektdatenbank“ des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim (Link zum Elektronischen Online-Wörterbuch: http://prowiki.ids-mannheim.de/bin/view/Russlanddeutsch). Hätten Sie gewusst, dass die deutsche Sprache im Russischen Zarenreich und in der Sowjetunion weit verbreitet war? Zumindest war sie es seit den ersten Einwanderungswellen von Deutschen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bis zur Mitte der 1990er-Jahre, als die meisten Sprecher in ihre „historische Heimat“ Deutschland auswanderten. In dieser Zeit waren all die mitgebrachten Mundarten vom direkten Einfluss der deutschen Standardsprache abgeschnitten und durchliefen eine eigenartige Entwicklung. Ob durch die jahrhundertelange Existenz als „Sprachinsel-Mundarten“, durch die Mischung untereinander oder durch den Einfluss der slawisch- oder turksprachigen Umgebung: Die russlanddeutschen Dialekte unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht von den binnendeutschen Dialekten. Und Dank RuDiDat können sowohl Sprachinteressierte als auch -wissenschaftler all diese Unterschiede aufspüren. Ein Spaß für die ganze Familie!

Apropos Familie. Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg waren die deutsche Sprache und Kultur in der ganzen Sowjetunion als faschistisch verpönt, sodass ihre Träger bisweilen abenteuerliche Anstrengungen unternahmen, um den Makel der Herkunft zu vertuschen und „wie ganz normale Sowjetbürger zu leben“. Als Königsweg der Selbstverleugnung galt es, seinen Kindern und Enkeln die eigene Mudderschproch (Muttersprache) vorzuenthalten und über das Leben vor dem Krieg, einschließlich der Hongrjohr (Hungerjahre) in den Siedlungsgebieten an der Wolga und am Schwarzen Meer, Stillschweigen zu bewahren. Genützt hat die Verschwiegenheit den wenigsten, denn spätestens beim Blick in den sowjetischen Pass (Nationalität: Deutsch) erfuhren junge Talente einen herben Dämpfer und fanden vor allem in den Metropolregionen sämtliche Weiterbildungs- und Karrierevorhaben ein vorzeitiges Ende. Zumindest bis eines Tages die Ehre eines Mannes auf dem Spiel stand…

Der Legende nach soll Bundeskanzler Helmut Schmidt im Oktober 1974 bei einem Besuch in Moskau den Wunsch geäußert haben, das Deutsche Theater zu besichtigen. Nichtsahnend sagte der KPdSU-Vorsitzende Leonid Breschnew zu, doch dann klärten seine Mitarbeiter ihn auf: Stalin hatte das „Deutsche Staatstheater“ in Engels (bis 1931 Pokrowsk) bereits 1941 schließen und gemeinsam mit der autonomen Wolgadeutschen Republik auflösen lassen, ehe die Sowjetdeutschen hinter den Ural nach Sibirien und Zentralasien deportiert wurden. Um sein Versprechen zu Bundeskanzler Schmidts nächstem Besuch einlösen zu können, soll Breschnew unverzüglich die Neugründung eines Deutschen Nationaltheaters angeordnet haben. Da schwärmten im Sommer 1975 zahlreiche Agenten im Auftrag der Regierung nach Kasachstan aus, um in den Kolchosen und Sowchosen deutschstämmige Schulabgänger aufzuspüren und zum Studium an die renommierteste Theaterakademie Moskaus zu holen.

Mit dieser Suche beginnt die Handlung von Eleonora Hummels Roman „Die Wandelbaren“ (erschienen 2019 im Müry Salzmann Verlag). Ohne seinen literarischen Wert schmälern zu wollen, ist das Buch in erster Linie ein Schlüsselroman für die wahre Geschichte vom nationalen Erwachen der deutschen Minderheit in der Sowjetunion. Doch ehe die Wiederherstellung der Wolgadeutschen Autonomie zum hehren Anliegen des jungen Künstlerkollektivs werden konnte, stand neben Schauspiel vor allem das Fach „Deutsch als Fremdsprache“ auf dem Stundenplan. Bei manchen reichte der daheim aufgeschnappte Wortschatz kaum für 10 Finger: ischt, bischt, hascht, verzähle, schwätze, babble und Bodalumpa. „Sie tragen zwar deutsche Namen, aber sie wissen nicht, wie man sie ausspricht. Das sind einfach junge Sowjetmenschen vom Lande, genauso wenig deutsch wie ein beliebiger Bürger auf Moskaus Straßen. So redeten die Lehrer über uns, besorgt, ob wir das erste Semester überstehen würden“ (S.105). Erste Zweifel am Abstammungsprinzip gab es also bereits in den wilden 70ern.

Im Schweiße ihres Angesichts paukten die angehenden Schauspieler zusätzlich zum üblichen Lernpensum noch die deutsche Sprache. Doch wurden sie, wie jeder Student, irgendwann von der Realität eingeholt und stellten während ihrer Sommertourneen fest, dass ihr bühnenreifes Hochdeutsch den Publikumserwartungen nicht gerecht wurde: „Hädded ihr ned awos in moi Mudderschproch?“ (S.238, Hättet ihr nicht etwas in meiner Muttersprache?) Ein berechtigtes Anliegen, wie man meinen will. „Die Dialekte aber waren unterschiedlich, in den Mennonitendörfern sprachen die Alten Platt, anderswo Wolgadeutsch, wieder anderswo Schwäbisch. Sollten wir für jedes Dorf eine sprachlich angepasste Bühnenfassung proben? Da hätten wir viel zu tun, und was würden Schiller und Goethe dazu sagen, außer sich still im Grabe umzudrehen?“ (S.244).

Allerdings haderten nicht nur die jungen Schauspieler mit der wiedererlangten Muttersprache. Wie sich bei Gesprächen mit den Dorfbewohnern herausstellte, gab es auf die Initiative der Lehrer (!) vielerorts längst keinen Deutschunterricht mehr. Zwar behalf sich das Wandertheater mit Konferenztechnik, wobei ein „Dolmetscher“ dem Publikum durch Kopfhörer den ins Russische übersetzten Bühnentext vorlas. Doch änderte alle Experimentierfreudigkeit nichts am hausgemachten Kernproblem, wie die einstige Chefdramaturgin Rose Steinmark in ihrem Zeitzeugenbericht festhielt: „Wenn die Muttersprache nicht gelehrt wurde, wer sollte dann in ein paar Jahren deutsche Zeitungen lesen, Rundfunksendungen in deutscher Sprache hören und das Deutsche Theater besuchen?“ (S.254). Der Bildungs- und Erziehungsauftrag des knapp zwei Dutzend Kopf starken Ensembles musste nicht zuletzt daran scheitern, dass die Zielgruppe von 2 Millionen Menschen innerhalb der Sowjetunion in alle Winde verstreut lebte. Wie gewonnen, so zerronnen…

Am Anfang war die Aufbruchstimmung. Am Ende legt man das Buch mit den letztlich desillusionierten Helden, wehmütig um die verflossene Jugend und zerbrochenen Hoffnungen, zaghaft aus der Hand. Solange die Fingerspitzen auf dem Buchrücken verweilen, gedenkt man nochmals andächtig jener Hochgefühle, die Glasnost und Perestroika auslösten und die einzufangen der Autorin Eleonora Hummel meisterhaft gelungen ist.

Eleonora Hummel: Die Wandelbaren. Roman. Salzburg – Wien: Müry Salzmann Verlag 2019.

Weiterführende Literatur:
Rose Steinmark: Das Schicksal eines Theaters. Moskau: RusDeutsch Media 2017.
Viktor Krieger: Kolonisten, Sowjetdeutsche, Aussiedler. Eine Geschichte der Russlanddeutschen. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2017 (unveränderter Nachdruck von 2015

BIOGRAPHIE
Die Rezensentin (Jahrgang 1994) ist in einer russlanddeutschen Aussiedlerfamilie aufgewachsen und erkennt sich selbst in der Romanhandlung wieder, wenn auch spiegelverkehrt sowie um eine Generation verschoben. Denn Russisch war ihre Muttersprache, bis das Deutsche es in allen Bereichen überflügelte und im jungen Erwachsenenalter mühsam wiederangeeignet werden musste. Tatjana Schmalz arbeitet in Frankfurt/Oder an ihrer kulturwissenschaftlichen Dissertation und ist seit der Petition gegen Gender-Unfug im Frühjahr 2019 VDS-Mitglied. Seit Januar 2020 verantwortet sie die Arbeitsgruppe „Ausschreibungen für den literarischen Nachwuchs“, deren digitale Datenbank eine Lücke im deutschsprachigen Literaturbetrieb schließen konnte. Auf ihrem Märchenblog (www.magictatsch.com) schreibt sie in ihrer Freizeit über „Märchen und Märchenhaftes aus dem Alltag“ und auf ihrem Sprachblog (www.instagram.com/goethewaerestolz) erklärt sie nicht nur die Herkunft deutschsprachiger Redewendungen, sondern wirbt auch mit einem regelmäßigen „Kurrentquiz“ für die Wiederbelebung der alten Schreibschriften.

FOTO: Esther Stosch / pixelio.de