Religion und Sprache – Teil 1: Die Bibel und ihre nie endende Übersetzungsfrage

Theologie ist immer an Sprache gebunden. Wer die christliche Religion untersucht, kann dies nicht losgelöst von Sprache tun. Dies gründet allein schon in der Tatsache, dass die Rede Jesu mündlich tradiert und übersetzt wurde, und letztlich in einer Sprache, die nicht die Ursprungssprache war, erstmalig zu ihrer Verschriftlichung fand. Die ersten verschriftlichten Texte wurden abermals übersetzt und umformuliert. Unzählige Bibelübersetzungen sind in den vergangenen zwei Jahrtausenden entstanden, sodass es heutzutage nahezu unmöglich erscheint, die Urtexte zu rekonstruieren. Die Frage danach ist aber dennoch wichtig – denn eine Übersetzung kann deutlich besser in ihrer Aussageabsicht verstanden werden, wenn das Verhältnis zum Urtext geklärt ist.

Grundsätzlich lassen sich in Übersetzungsprozessen zwei Prinzipien unterscheiden: inhaltsbetonend und formbetonend. Eine inhaltsbetonende Übersetzung versucht, den Sinn des Urtextes möglichst genau wiederzugeben. Die Verständlichkeit für den Leser steht hierbei im Vordergrund. Eine formbetonende Übersetzung hingegen will den Urtext so wörtlich wie möglich abbilden und dabei die ursprüngliche literarische Form bewahren. Eine solche formbetonende Übersetzung wäre unter den gängigen Bibelübersetzungen zum Beispiel die Elberfelder Bibel.

Neuere Bibelübersetzungen halten sich eher an den inhaltsbetonenden Ansatz und versuchen sich an einer lebensnahen, modernen Sprache. Das Ziel: ein leichterer Zugang zur Botschaft der Bibel. So erhebt etwa die Bibel „Neues Leben“ den Anspruch, „lebensnah, leicht verständlich und gleichzeitig sachlich und inhaltlich zuverlässig“ zu sein – so verkauft es jedenfalls der Buchrücken. Es ist wohl ein klassisches Übersetzungsproblem: Wie nah bleibt man am Original? Wie sehr muss die Sprache verändert werden, um die ursprüngliche Aussage des Textes in die Übersetzung hinein zu transportieren? Stumpfes Wort-für-Wort-Übersetzen ist in den wenigsten Fällen zielführend, auch weil sich Sprachen natürlich in ihrer Semantik und Grammatik unterscheiden.

Mit Beginn des 21. Jahrhunderts scheint die Übersetzungsdebatte jedoch den Fokus auf andere Dinge zu legen. Inhalt und Form stehen nicht mehr so stark im Mittelpunkt wie bisher, dafür aber die Zielgruppe und eine entsprechende Aussageabsicht der Übersetzung. So wurde auf dem Reformationstag 2006 erstmalig die Bibel in gerechter Sprache präsentiert. Entgegen der heutigen Konnotation des Begriffs geht es hier nicht ausschließlich um Gendergerechtigkeit. Vielmehr geht es um eine grundsätzlich respektvolle Sprache. Bei einem stark männlich geprägten Buch wie der Bibel ist die Sichtbarkeit von Frauen natürlich ein Aspekt, der berücksichtigt wird. Aber auch Begriffe wie „Krüppel“ oder „Weib“ – die zu Zeiten von Luthers Bibelübersetzung noch gang und gäbe waren – ersetzt die Bibel in gerechter Sprache durch Ausdrücke, die sie für angemessener hält. Die Art und Weise, wie Juden oder Obdachlose beschrieben werden, wird ebenfalls angepasst. Reaktionen auf die Bibel in gerechter Sprache gibt es bis heute zuhauf, von tosendem Applaus bis hin zu Buhrufen ist alles dabei.

Ein weiteres Projekt, das enorm kontrovers diskutiert wird, ist die Volxbibel. Ziel dieser Übersetzung sei, so heißt es im Vorwort, „eine möglichst normale Sprache zu sprechen, mit Ausdrücken, wie man sie im Jugendzentrum oder auf dem Schulhof hört“. Das führt zu Auswüchsen wie „Jesus, der Auserwählte, kam ja bei uns vorbei, als wir noch hoffnungslos im Dreck steckten“ (Röm 5:6) oder „Denn das alte Programm, das Gesetz, konnte uns nicht dazu bringen, so zu leben, wie Gott es geil findet“ (Röm 8:3). Auch hier soll zwar der Inhalt übermittelt werden, aber im Vordergrund steht eindeutig die Zielgruppe. Erreicht werden will die Jugend. Junge Menschen, die bislang noch keine Berührungspunkte mit dem Thema Glauben hatten, sollen sich so mit der Bibel anfreunden, weshalb die Übersetzung auch bewusst Begriffe meidet, die typisch christlich sind.

Ob es überhaupt möglich ist, die Bibel ohne jegliches Vorwissen zu verstehen, steht auf einem anderen Blatt. Es lässt sich aber einräumen, dass eine Übersetzung in moderner Sprache vor allem für die Jugend vermutlich leichter zu verstehen ist. Ob es direkt das sprachliche Niveau der Volxbibel sein muss? Das darf angezweifelt werden. Dennoch möchte ich nicht ausschließen, dass auch die Volxbibel womöglich ihren Platz irgendwo hat – wenn auch einfach nur als „Sprachexperiment“ in religionspädagogischen Kontexten.

Die zahlreichen Übersetzungen der Bibel sind Versuche, eine religiöse Botschaft immer wieder neu zu formulieren, um sie Menschen in verschiedenen kulturellen Umständen nahezubringen. Letztlich geht es eben nicht nur um die korrekte Übersetzung des Inhalts, sondern der Text muss so geschrieben sein, dass der adressierte Leser ihn versteht. Für den Übersetzer ist dies gar keine so einfach zu bewältigende Aufgabe. Er muss die Brücke schlagen zwischen korrektem Inhalt, Formbewahrung, guter Textverständlichkeit und sprachlicher Ästhetik.

Hinzu kommt: Eine Übersetzung ist immer auch eine Interpretation. Vor allem biblische Texte sind in ihren Aussageabsichten alles andere als eindeutig. Wer übersetzt, ist also gut beraten, sich diese potentielle Mehrdeutigkeit immer wieder vor Augen zu führen, damit die Übersetzung nicht in eine interpretatorische Sackgasse gerät. Der Autor und Übersetzer Radegundis Stolze plädiert dafür, beim Übersetzen lieber unkonkret zu bleiben und unklare Aussagen aus dem Original so stehen zu lassen. Dies sei unter Umständen sogar verständlicher für den Leser, weil dieser dann selbst entscheiden könne, wie er den Text rezipiere. Laut Stolze „hat der Translator in seiner Sprachmittlerfunktion sich immer wieder zu verdeutlichen, dass ein bestimmtes Textverständnis nicht endgültig sein muss, sondern stets den Charakter des Vorläufigen hat.“ (Gerber/Hoberg, S. 161)


Literatur:
Stolze, Radegundis: Die Sprachreform nachreformatorischer Bibelübersetzungen. In: Gerber, Uwe / Hoberg, Rudolf (Hrsg.): Sprache und Religion. WBG, Darmstadt, 2009.
Biblisch Glauben, Denken, Leben (04/1988): Bibelübersetzungen.
Kessler, Rainer: Die “Bibel in gerechter Sprache” – Sachstand und Übersetzungserfahrungen. In: Werner, E. (Hrsg.): Jahrbuch zur
Wissenschaft der Bibelübersetzung. Forum Bibelübersetzung 2013-2015,
Nürnberg 2016.

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