Philosophie studieren im 21. Jahrhundert? Drei Vorurteile auf dem Prüfstand

Würden wir Studierenden auf Feiern, in der Bahn oder als flüchtigen Bekannten die weithin Smalltalk-affine Frage vorlegen, welchem Fach sie nun eigentlich verfallen seien, so gäben die meisten darauf eine ebenso wenig rechtfertigungs- wie in besonderem Maße ausführungsbedürftige Antwort: Physik, Jura, Medizin, Politik, Geschichte, Geographie und so fort. Alles sehr interessant – mitunter lohnt es sich, stolz zu sein, den eigenen Respekt auszusprechen, das Gespräch noch zu vertiefen – so mancher unter uns wäre gar geneigt, bei der einen oder anderen Disziplin seinen imaginären Hut zu ziehen, da ihm selbst ein entsprechender Abschluss aus einer Vielzahl von unerheblichen Gründen versagt bleiben musste.

Nicht nur, dass die Befragten im Begriff stehen, irgendwelche Akademiker zu werden – nein: sie sind die zukünftigen Ingenieure, Anwälte, Ärzte, die uns Fragenden vielleicht einmal im echten Leben als solche gegenübertreten könnten. Und sei es auch Geschichte oder Geographie – ein Platz für sie wird sich gleichermaßen finden, ob als Lehrer, Bibliothekar oder was auch immer. Sie alle werden dem Ganzen auf ihre individuelle Weise von Nutzen sein und ihren bescheidenen Beitrag zu dem leisten, was wir – implizit oder nicht – menschlichen Fortschritt oder zumindest den Status quo einer funktionierenden postmodernen Gesellschaftsordnung zu nennen pflegen. Sie wiegen im Rahmen ihrer Möglichkeiten Kosten, Mühen und Personal auf, das die öffentliche Hand ihnen zuliebe in Schulen wie Universitäten investiert hat, um einer ordentlichen (oft auch eben akademischen) Ausbildung zukünftiger Bürger den Weg zu ebnen.

Erweist sich ein solcher Ansatz als zu restringiert? Für gewöhnlich nicht; nur eine Ausnahme besteht, nur ein Fach scheint besonders aus der Reihe zu tanzen, wenn wir aus der großen Masse der hinsichtlich ihres Studiengangs Befragten eine oder einen sagen hören: Philosophie. – Nun sind wir aber gehörig verblüfft: Wir suchen und suchen und scheinen doch auf die Schnelle keinen noch so geringfügigen Nutzen aufzufinden, der ordinäre Gemeinplätze wie „ist auch irgendwie manchmal wichtig“ oder „sie hat ja sicher noch ein Zweitfach“ an Sachkunde übertrifft. Nicht selten scheint so mancher gar ein Vorurteil zu Gehör zu bringen; gespannt, was sein Gegenüber Kluges erwidern mag.

Die Legitimität des Philosophiestudiums – eine Problematik, deren man sich schon seit Jahrtausenden annimmt, ehe es überhaupt Lehr- oder Forschungsuniversitäten in dem heute geläufigen Sinne hatte geben können. Drei kleine Gemeinplätze, die gegenwärtig dem subjektiven Empfinden des Verfassers nach besonders oft zur Sprache kommen, sollen im Folgenden aus jeweils neuen Perspektiven überdacht werden. Nicht unerheblich ist die Warnung, dass niemand sich genötigt sehen muss, von sicherlich sauber reflektierten und bodenständigen Auffassungen abzurücken. Was hier dargeboten wird, ist nichts als eine Handreichung – der man bekanntlich Glauben schenken kann oder nicht; die weder einen Anspruch auf Vollständigkeit noch auf deduktive Gewissheit erhebt.

1. „Philosophie nützt doch nichts – also braucht sie keiner, zumindest nicht als im universitären Fächerkanon verankertes Studienfach.“

Zunächst muss man sich den Umstand vor Augen führen, dass der Universitätsbetrieb traditionell gar nicht vorsieht, einen wie auch immer gearteten „Nutzen“ instrumenteller, ökonomischer oder anderer Art von den jeweiligen Disziplinen einzufordern, der über den Kenntnis- und Methodenerwerb hinausreicht. Im Wissenschaftsideal der Aufklärung ist für gewöhnlich auch Wissen um seiner selbst willen verbürgt, all inclusive. Schön, wenn man mit dem an einer Hochschule erworbenen geistigen Kapital sogleich etwas bauen, reparieren oder erfinden kann – zwingend erforderlich, um im Fächerkanon vertreten zu sein, ist dieses technische Wissen, oder besser: Können, deshalb jedoch nicht.

Überdies steht außer Frage, dass Philosophie selbstredend einen – wenn auch nicht derart ersichtlichen, aber dennoch existentiellen – „Nutzen“ entfalten kann, womit beide Sätze, aus denen sich dieses erste Vorurteil zusammensetzt, kollabieren. Nicht nur anwendungsethische Probleme oder Fragen der praktischen Philosophie sind in gegenwärtigen Debatten allein thematisch von eminenter Wichtigkeit, da nur die Philosophie einen argumentativen Zugang zur Moralität eröffnen kann – was die anderen Wissenschaften weder leisten können noch in den meisten Fällen wirklich wollen.

Ist drittens von Kompetenzen die Rede, so bietet auch und gerade das Philosophiestudium eine ganze Klaviatur mannigfacher gefragter Fertigkeiten, die von einer beachtenswerten Komplexitätsreduktion über die klare Darstellung disparater Inhalte bis hin zur umsichtigen Einordnung spezifischer Problemlagen reichen. Ungeachtet der Frage, ob man Erkenntnistheorie und Co. – wohlgemerkt wider besseres Wissen – ihren verschiedentlich beschaffenen „Nutzen“ absprechen mag, so lässt sich die Relevanz der dort erworbenen Fähigkeiten kaum in Abrede stellen.

2. „Im Philosophiestudium geht es viel zu entspannt zu im Vergleich mit ‚richtigen‘ Fächern.“

Dieses Vorurteil bedarf kaum einer umfassenden Widerlegung – ein Blick in das jeweilige Modulhandbuch des Bachelors oder Masters in Philosophie genügt, um festzustellen, dass wie in den meisten anderen Studiengängen auch standardgemäß insgesamt 180 respektive 120 sogenannte ECTS erforderlich sind, von denen einer in der Regel für insgesamt 30 Stunden Arbeitsaufwand steht. Abgesehen davon besteht in der Philosophie gerade auch ein Risiko, sich zu viel aufzubürden, denn die Wahlmöglichkeiten unterliegen deutlich weniger Beschränkungen, gemessen an denen vieler anderer Studiengänge wie Jura. Oft werden Lektüren empfohlen, doch einen Kanon, den man auch nur approximativ vollenden könnte, gibt es in der Philosophie beileibe nicht. Man neigt zum Höher-Schneller-Weiter – mitunter alles andere als entspannt und kontemplativ.

3. „Die Inhalte des Philosophiestudiums befördern wortspielerische Verdrehereien, ohne die das Leben auch nicht anders wäre als sonst.“

Dass es sich hierbei um einen Gemeinplatz handelt, lässt sich ohne Weiteres bereits daraus ersehen, dass die sogenannten „Inhalte“ des Studiums alle auf einmal in Augenschein genommen werden. Dafür ist die Vielfalt der schwerlich zu erfassenden philosophischen Fragestellungen indes deutlich zu groß. Oft, und dies muss zugestanden werden, mag der Eindruck entstehen, philosophisches Fachsimpeln sei unverständlich und daher unzulänglich.  Vielleicht klingt es hart: So eifrig jeder Philosoph, der dieses Fach innig liebt und lehrt, stets um Verständlichkeit, idealerweise allen Mitmenschen gegenüber, bemüht ist – es kann (und muss) eben nicht ausnahmslos gelingen, wenn spezielle Themenkomplexe im Rahmen einer voraussetzungsreichen Erörterung zur Diskussion stehen. Das ist indessen kein Manko der Philosophie: Welcher Laie würde ernsthaft eine Vorlesung in Analysis oder Anatomie besuchen und den Anspruch erheben, „mitgenommen“ zu werden? Wir müssen uns bewusst machen, dass Verständlichkeit und Klarheit einen konstitutiven Faktor von Wissenschaftlichkeit begründen, sollten aber etwas fairer sein, wenn auch Philosophen mal sprachlich oder inhaltlich das eine oder andere voraussetzen und dem ihrem Fach eigentümlichen Duktus verfallen – über die Stränge zu schlagen, dieses Privileg sei jedem Wissenschaftler bisweilen eingeräumt und verziehen.

Wie uns nun vielleicht ein wenig vor Augen geführt wurde, täten wir wie so oft gut daran, Acht auf das zu haben, was wir an Stereotypen und Ressentiments in unserem Geist bewegen, ehe wir dem nächsten Philosophie-Studierenden einen schrägen oder gar despektierlichen Blick – auch vor uns selbst – zuwerfen. Obacht, der eine oder andere könnte sich zu einer Entgegnung veranlasst sehen!


Foto: pixabay