• Kultur,  Literatur,  Philosophie,  Sprache

    „Les rêveries du promeneur solitaire“ – Teil I

    Jean-Jaques Rousseau ist zweifellos einer der wesentlichen Autoren der Epoche der Aufklärung. Diese Rolle ist ihm zweifelsohne zuzuerkennen. Dabei suchte Rousseau in seinem Schaffen und Denken oftmals die Opposition zu seinen Zeitgenossen, was ihn als kritisch-reflektierten Gegenpol einer fortschrittsgewandten Gesellschaft charakterisiert. Neben seiner Kritik an dem Selbstverständnis der intellektuellen Elite und der Weiterentwicklung der hobbesschen Vertragstheorie, ist auch sein Einfluss auf die Erziehungspädagogik herauszustellen. Das aber wohl persönlichste Werk stellt Les rêveries du promeneur solitaire dar. Ein Werk, welches schon aufgrund seiner chronologischen Einordnung in die Biografie des Autors besondere Qualität besitzt, denn es handelt sich um sein letztes Werk. Auch die Umstände, in denen es entstand, sind erwähnenswert. Rousseau…

  • Kurzprosa,  Philosophie,  Reisen

    Abschied oder Ankunft? – Teil 4: Immortalitas?

    Nun: »Hier ist die Zeit stehen geblieben – und jeder Versuch, dieser Gewissheit zu entrinnen, muss sich als vergeblich erweisen«, erklärte ich, nachdem die dritte Geschichte zu Ende gegangen war. Wir durchlebten eine Abfolge ephemerer Begebenheiten, denen allesamt eine überzeitliche Wirksamkeit zukam. Diese jedoch erschöpfte sich gerade in ihrer zeitlichen Einschränkung: Gerade weil diese Narrative der Stimme, der Schulnostalgie oder des Nihilismus jeglicher Konstanz und Beständigkeit entsagten, vergingen sie und vergingen zugleich nicht: Letzteres, insofern sie auch nach ihrem materiellen Ende – in die Erinnerung zurückgerufen – von gleicher Lebendigkeit waren und sich nicht mehr umkehren ließen. Was sich einmal zugetragen hatte, zehrte immerdar vom Ganzen, wiewohl nur als noch…

  • Kurzprosa,  Philosophie,  Reisen

    Abschied oder Ankunft? – Teil 3: Im Luftschiff der Nihilisten

    Erneut hob sie zu sprechen an und verlas das dritte Kapitel: »Es ist jedes Mal aufs Neue bemerkenswert, die Wolkendecke zu durchbrechen, findest du nicht?«, entgegnete Anastasia dem Trübsinn ihres Gegenübers, als sie ein Glas sprudelnde Brause an ihre Lippen führte und das Schiff über die Erde samt ihren allzu irdischen Belangen hinwegflog. »Wir sind Nihilisten«, erwiderte Anastasias Gegenüber eindringlich. »Bisweilen müssen wir eine stoische Betrübnis an den Tag legen und uns unserer Emotionen entäußern, zu unbeschwerter Spontaneität gelangen.«

  • Kurzprosa,  Philosophie,  Reisen

    Abschied oder Ankunft? – Teil 1: Klangfarben der Ewigkeit

    Ein bezaubernder Wintermorgen. Die imposanten Wolkentürme erstarrten im Himmelszelt und begannen anmutige Bilder vor unser geistiges Auge zu führen: Wir wähnten einer Phalanx aus kampfbereiten Kriegerinnen gegenüberzustehen. Zu Pferde waren sie, inmitten ihrer gravitätisch dahinschreitenden Matriarchin, die furchtlos und kühnen Blickes zum Angriff blies gegen die Horden der Finsternis.

  • Allgemein,  Philosophie

    Wiederkehr und Spieltrieb – Zyklus oder Progress?

    „Als er sich vom Fenster abwandte, verspürte er kein Bedürfnis mehr, über seine Berufswahl nachzudenken. Für heute fühlte er sich im Reinen mit sich selbst und mit der Welt in ihrer ewigen, formelhaften Wiederkehr.“ (Zeh 2006: 56) Bei dem vorliegenden Zitat handelt es sich um einen erzählerischen Kommentarpassus aus dem Roman Spieltrieb von Juli Zeh. Es geht um den Lehrer Smutek, der durch seine hochbegabte Schülerin Ada und deren Mitspieler Alev in ein kurioses Netz von Verstrickungen gerät, die nach Auffassung ihrer Urheber letztlich der geistigen Vervollkommnung dienen sollen, aber nichtsdestoweniger sowohl mit Moral wie mit Recht in signifikantem Maße konfligieren. Doch Alev und Ada sind Nihilisten, genauer gesagt deren…

  • Literatur,  Philosophie,  Rezensionen

    „Von der Kürze des Lebens“

    “Alles eine Frage der Perspektive”, würde der Philosoph Seneca heute vermutlich sagen, wenn man sich beschwerte, dass das Leben zu kurz sei. Entgegen der Auffassung vieler, die sich darüber beklagen, wie schnell die Zeit doch vergehe, vertritt Seneca in seinem Werk “Von der Kürze des Lebens” eine andere Ansicht: nämlich die, dass es nicht zu wenig Zeit ist, die wir haben – sondern dass wir zu verschwenderisch damit umgehen. Das Leben sei lang genug, schreibt er, und reichlich bemessen auch für die allergrößten Unternehmungen – wenn es nur insgesamt gut angelegt werde. Auf knappen 60 Seiten geht es in diesem Werk um die Frage, aus welchem Blickwinkel man auf das…